Kieselsteine

  • Die Unterlassung des Staates

    Doch genauso, wie der Nichtwähler es unterlässt, sich aktiv an der gemeinsamen Sache zu beteiligen (wie im zweiten Kapitel dargelegt), so unterlassen es auch Staaten, rechtzeitig einzugreifen. Solange sie nicht direkt gestört werden, halten sie die Welt für in Ordnung. Erst wenn es zu spät ist, wird mit unanständigen Mitteln reagiert, weil die Zeit des anständigen, präventiven Handelns verstrichen ist.

    Die Menschenrechte sollten unsere Richtschnur eines anständigen Handelns sein. Im Jahr 1948 schrieb die UN in ihre Allgemeine Erklärung: „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet“.

    Diese Worte bezogen sich direkt auf die Barbarei des Zweiten Weltkriegs. Doch die Worte allein helfen nicht, wenn sie nicht mit Leben erfüllt werden. Das Töten hat nach 1948 nicht aufgehört. Die Geschichte lehrt uns, dass internationale Verträge und Bünde – wie der Haager Staatenbund (1907) oder der Völkerbund – scheiterten, weil Großmächte ihre egoistischen Interessen über die gemeinsame Sache stellten.

    Heute sind die Vereinten Nationen zwar umfassender, doch was nützt es, wenn die wohlfeilen Worte nicht gelebt werden? Sechzig Jahre nach dem Beschluss der Vereinten Nationen sind die formulierten Grundlagen in keinem Staat dieser Erde vollständig umgesetzt. Im Gegenteil: Das Wort Menschenrecht verkommt in den Sonntagsreden der Berufspolitiker zu einem gern gesehenen Begriff, dessen Inhalt nur noch hohl ist.

    Es scheint fast so, als müssten die Gräueltaten nur lange genug her sein, dann will niemand mehr die Lehren daraus hören oder gar befolgen. Der Anstand – als moralische Selbstbeschränkung und als Fundament der res publica – ist die notwendige Kehrseite zur reinen technologischen Vernunft. Er ist die einzig nachhaltige Basis für die gemeinsame Sache.

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  • Anstand als politisches Programm

    Die Todesstrafe ist ein Relikt, das einst selbst ein Denker wie Jean-Jacques Rousseau noch zu rechtfertigen suchte. Doch es gibt keinen anständigen Grund, der diese Form der Strafe rechtfertigt. Mord ist unanständig, und nur weil sich jemand unanständig verhält, hat der Staat nicht das Recht, sich ebenso unanständig zu verhalten.

    Ein anständiger Staat versucht, alle Wege zu gehen, um den Anstand zu wahren. Anstand ist in diesem Sinne keine passive Tugend, sondern eine aktive Selbstbeschränkung: die Entscheidung, sich nicht auf die Mittel der Unanständigen einzulassen.

    Dies bedeutet keineswegs mangelnde Entschiedenheit. Im Gegenteil: Womöglich hätte es in Konflikten wie im Kosovo oder in Syrien ein schnelleres, entschiedeneres Handeln auf internationaler Ebene bedurft, um die schlimmsten Folgen zu vermeiden.

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  • Die Selbstbeschränkung des Anstands: Der ethische Kern der Res Publica

    Unsere grundlegenden Wertvorstellungen werden ignoriert. Wenn der Artikel 1 des GrundgesetzesDie Würde des Menschen ist unantastbar – noch irgendeinen Wert besitzen soll, dann gehört es sich nicht, Menschen zu töten.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg diskutierte die Republik in den 1950er Jahren, ob es überhaupt eine eigene Armee brauche. Heute stellen wir dies nicht nur nicht mehr in Frage, sondern sind im Begriff, Vernichtungsmaschinen einzuführen. Insbesondere aus der Perspektive der deutschen Vergangenheit ist dies unanständig. Die ethische Verpflichtung, die aus den Gräueltaten des 20. Jahrhunderts resultiert, wird mit der gleichen Leichtfertigkeit ignoriert wie die philosophischen Grundlagen der Aufklärung (siehe vorheriges Kapitel) .


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  • Das Dilemma der Unterlassenden und die falschen Gewissheiten

    Umso erschreckender ist es, dass die Aufklärung – dieses Wissen um die Notwendigkeit des kritischen eigenen Denkens – nicht einmal bei einem Großteil der Unterlassenden angekommen ist, jener Menschen, die wir bereits als heimliche Zustimmer der Mächtigen identifiziert haben. Sie wollen nicht nur ihre Unmündigkeit nicht wirklich verlassen, sie versuchen nicht einmal, ein wenig mündiger zu werden.

    Stattdessen hört sich jeder Politiker an jeder Ecke an, er solle das jeweilige Dilemma lösen. Der Fordernde ist dabei selbst Teil dieses Problems, verweigert aber den Versuch, seinen eigenen Beitrag zu leisten, aufgrund seiner mangelnden Aufklärung und Bildung.

    Gerade die Erfolgreichsten und Handlungsfähigsten glauben am stärksten, dass sie die Wahrheit sprächen. Sie brauchen ihre Gewissheiten, um überhaupt handeln zu können. Ohne dieses psychologische Grundgerüst an Stabilität wären sie wie ein Mensch, der das Laufen verlernt hat. Dieses Spannungsfeld ist wahrlich zum Wahnsinnigwerden. Es entsteht zwischen der Notwendigkeit von Gewissheit für das Handeln und der Erkenntnis der relativen Haltlosigkeit dieser Gewissheiten.

    Ein Physiker wie Alan Sokal, der sich über postmodernistische Philosophie lustig macht, kann seine Gewissheiten in der außermenschlichen Welt verankern. Der Berufspolitiker und Manipulator schwimmt jedoch ebenso wenig, da er seine Gewissheiten frei erfinden und sie bestenfalls mit naturwissenschaftlich verbrämten Zahlen untermauern kann, die im Kontext der sozialen Erkenntnis ebenso haltlos sind.

    Wir sind nicht aufgeklärt, was unser soziales Handeln anbelangt. Die Aufklärung hat viel für unsere Sicht auf die äußere Welt getan, aber unsere Fixierung auf diese objektive Sicht hat viel von der intrinsischen, sozialen und ethischen Seite der Menschheit zerstört, was die gemeinsame Sache zu einem ständigen Stochern im Dunkeln macht.

    Die Unmündigkeit, die Kant beschreibt, ist nicht immer selbst verschuldet. Wer in einem barbarischen System sozialisiert wurde – wie die Figur des Hitlerjungen Salomon, der nur überleben konnte, indem er sich selbst verleugnete – konnte seine Unmündigkeit nicht selbst verschulden; er stand unter der brutalen Leitung anderer.

    In den Naturwissenschaften haben wir noch außermenschliche Sachverhalte, die feststellbar sind und zu vernünftigen Einsichten führen können. Unsere sozialen Einsichten hingegen sind immer geprägt durch unsere Sozialisation. Wir stehen immer unter der Leitung anderer, im Sinne von Vorwissen, Kultur und Sprache. Ein einzelnes Menschenleben reicht nicht aus, um die Erkenntnisse über die Welt nur durch eigenen Verstand und eigene Vernunft zu erlangen. Wir gründen unsere Ansichten immer auf den Erkenntnissen unserer Vorfahren – und somit auch auf ihren Irrtümern.

    Selbst der Versuch, wie einst Zamenhof, eine neutrale Weltsprache zu schaffen, muss scheitern, weil wir unmöglich erkennen können, welche unbewussten kulturellen Irrtümer wir dabei begehen.

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  • Die menschliche Brille und die Gemeinsame Sache

    Unser Verstand und unsere Vernunft blicken immer durch die menschliche Brille. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Philosophen wie Wittgenstein schließlich die Leiter des sprachlichen Verstehens wegwerfen und zum Schweigen raten wollten. Da wir aber als soziale Wesen nicht nicht kommunizieren können (im Sinne Watzlawicks), können wir dieses Schweigen weder wollen noch akzeptieren.

    Wittgensteins Skepsis gegenüber der Macht der Sprache und seiner Begriffe stand im Gegensatz zum Rationalismus von Karl Popper. Naturwissenschaftler mögen Popper bevorzugen, weil seine Methode wunderbar zur Beschreibung eines außermenschlichen Gegenstandes taugt. Aber die gemeinsame Sache, an der jeder von uns beteiligt ist, ist eben kein außermenschlicher Gegenstand. Wir sind in einem komplexen System – einer Gesellschaft der Gesellschaft – gefangen, und alles, was wir über uns sagen, sagen wir von uns aus. Wir können uns nicht von außen neutral beobachten und zu einem wirklich neutralen Schluss gelangen.

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  • Die Unentrinnbarkeit der Sozialisation

    Die Unmündigkeit, die Kant beschreibt, ist nicht immer selbst verschuldet. Wer in einem barbarischen System sozialisiert wurde – wie die Figur des Hitlerjungen Salomon, der nur überleben konnte, indem er sich selbst verleugnete – konnte seine Unmündigkeit nicht selbst verschulden; er stand unter der brutalen Leitung anderer.

    In den Naturwissenschaften haben wir noch außermenschliche Sachverhalte, die feststellbar sind und zu vernünftigen Einsichten führen können. Unsere sozialen Einsichten hingegen sind immer geprägt durch unsere Sozialisation. Wir stehen immer unter der Leitung anderer, im Sinne von Vorwissen, Kultur und Sprache. Ein einzelnes Menschenleben reicht nicht aus, um die Erkenntnisse über die Welt nur durch eigenen Verstand und eigene Vernunft zu erlangen. Wir gründen unsere Ansichten immer auf den Erkenntnissen unserer Vorfahren – und somit auch auf ihren Irrtümern.

    Selbst der Versuch, wie einst Zamenhof, eine neutrale Weltsprache zu schaffen, muss scheitern, weil wir unmöglich erkennen können, welche unbewussten kulturellen Irrtümer wir dabei begehen.

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  • Gescheiterte Grundlagen

    Auf der internationalen Ebene kommen noch die unterschiedlichen Sozialisationen der Kulturen hinzu. Zamenhof schuf einst die Sprache Esperanto aus politisch nachvollziehbaren Gründen, in der Hoffnung auf Völkerverständigung. Sein Appell an die absolute Gerechtigkeit unter den Menschen angesichts der drohenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts macht die folgende Barbarei umso unverständlicher.

    Das politische Handeln steht auf keinem soliden Fundament. Es scheint egal, was Rousseau oder Voltaire, Wittgenstein oder Popper, Adorno oder Max Weber schrieben. Ob man es Haskala, Aufklärung oder christliche Nächstenliebe nennt, es scheint keine Politik zu geben, die sich jemals wirklich danach ausgerichtet hätte.

    Jeder Gedanke scheint schon gedacht und jede Handlung liegt irgendwo zwischen dem demokratischen Schierlingsbecher (dem idealistischen Märtyrertod für die Wahrheit) und dem cäsarischen Gallischen Krieg (der brutalen Machterweiterung). Zweifellos sind wir derzeit dem Kriege mit dem Bau von Drohnen näher. Die gemeinsame Sache ist jedoch das soziale Handeln, das auf allgemein verbindlichen Entscheidungen und Steuerungsmechanismen ausgerichtet ist, die das Zusammenleben von Menschen regeln und die unentrinnbare Differenz friedlich ausgleichen.

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  • Handeln durch Unterlassen: Die politische Tragödie

    Aus dieser unentrinnbaren Differenz zwischen den Standpunkten und dem Gefängnis der Sprache entsteht die politische Tragödie.

    Wir handeln immer – auch wenn wir nicht handeln, also unterlassen, dann handeln wir im politischen Sinne. Die meisten Bürger eines Gemeinwesens verkennen dies, da sie meinen, unpolitisch zu sein und lediglich ihrer Arbeit nachzugehen. Sie bilden sich ein, die Politik sei das, was „die Politiker“ machen.

    Tatsächlich aber ist es unserer aller Sache. Jeder ist Gegenstand der Politik, weil jeder ein Teil des Sozialen ist. Die Verbindlichkeit aller in dieser gemeinsamen Sache kann sich nur dadurch herstellen, dass auch diejenigen, die sich scheinbar nicht beteiligen, durch diese Unterlassung den Mächtigen und Machern zustimmen. Wenn diese Unterlasser dann über „die da oben“ motzen oder Nichtwähler sagen, dass „man“ eh nichts ändern könnte, dann bestätigen sie nur ihre eigene Machtlosigkeit und ändern eben nichts. Auch dies ist ein Handeln im politischen Sinne. Politische Macht kann nur dort entstehen, wo sie zugelassen wird – und sei es durch Unterlassung.

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  • Der unvermeidbare Standpunkt

    Doch offensichtlich können wir keinen einzigen, gemeinsamen Standpunkt einnehmen. Jeder Einzelne verharrt letztlich auf seinem eigenen Standpunkt. Die Menge mag zwar eine sein, aber die einzelnen Punkte in dieser Menge sind fundamental verschieden. Selbst in der engsten Beziehung stimmen wir niemals vollständig mit dem anderen überein.

    Diese Divergenz mag banal erscheinen, doch sie hat tiefgreifende Ursachen – sei es der unterschiedliche Geburtszeitpunkt
    eineiiger Zwillinge oder die unterschiedliche Sozialisation. Obwohl der genetische Code identisch sein mag, werden sich die Menschen nicht gleichen und nicht den gleichen Standpunkt einnehmen können. Alle Standpunkte haben zunächst das gleiche Recht, aber sie sind niemals gleich. Wir sind zu verschieden, als dass wir wirklich übereinstimmen könnten.

    Diese grundlegend vorhandene Differenz führt bei ihrer Ausdifferenzierung nicht nur zu unterschiedlichen Sprachen und Kulturen, sondern leider häufig genug in der Geschichte der Menschheit zu Krieg und Auslöschung. Die Vernichtung anderer Spezies ist dabei nur ein weiteres Beispiel für die kurzsichtige Selbstzerstörung, die uns droht.

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  • Das Gefängnis der Sprache

    Wir sind nicht nur Teil des Sozialen, wir sind auch geformt durch das Medium, in dem wir denken: die Sprache. Dass diese Gedanken in deutscher Sprache formuliert sind, liegt darin begründet, dass es meine Muttersprache ist. Die Sprache prägt das Denken in einer Weise, die Überlegungen unter Umständen unübersetzbar macht.

    Genau diesen fundamentalen Unterschied zwischen den Sprachen – und damit den Kulturen – zu überwinden, ist eine der wichtigsten politischen Investitionen. Doch stattdessen verweigern wir den Gedankenaustausch, indem wir den Sprachwissenschaften nicht die gleiche Wertigkeit beimessen wie der Entwicklung einer Kampfdrohne. Der Mensch, der der Drohne begegnet, muss sterben, weil wir nicht bereit sind, in den Dialog zu investieren.

    So sehr wir uns systembedingt nicht von außen untersuchen können, so sehr sind wir gemeinsam verbunden. Das, was uns von der Welt trennt – unser Bewusstsein und unsere Kultur –, ist gleichzeitig das, was uns miteinander verbindet. Es gibt eine gemeinsame Sache, eine Res Publica.

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