Kieselsteine

  • Wert ist relational und normativ umkämpft

    Die interdisziplinäre Untersuchung zeigt, dass Werte keine mysteriösen oder statischen Entitäten sind. Vielmehr sind sie das Ergebnis eines dynamischen Prozesses, der sie zu relationalen, sozial konstruierten und normativ umkämpften Größen macht.

    Jede Disziplin demonstriert die relationale Natur von Werten:

    • In der Philosophie gewinnt Kants Würde an Bedeutung, weil sie sich vom bloßen Preis abgrenzt.
    • In der Soziologie werden Werte zu Orientierungspunkten, weil sie sich von abweichendem Verhalten unterscheiden.
    • In der Rechtswissenschaft etabliert das Grundgesetz die Menschenwürde, um sich von den Barbareien der Vergangenheit abzusetzen.
    • In der Ökonomie entsteht der subjektive Wert eines Gutes im Verhältnis zu seinen Alternativen (Grenznutzen).
    • In der Politikwissenschaft stehen Werte wie Freiheit und Gleichheit in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander.

    Diese Werte sind jedoch nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert. Sie sind das Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, die von historischen Erfahrungen und Machtverhältnissen geprägt sind. Gerade deshalb sind sie normativ umkämpft und erfordern eine ständige Reflexion.



  • Gefahr: Missbrauch von „Wert“-Begriffen zur Legitimation von Unwert

    Werte sind zwar handlungsleitende Axiome und essenziell für die Gesellschaftsordnung, doch gerade ihre normative Kraft birgt ein großes Missbrauchspotenzial. Historisch zeigt sich immer wieder, wie vermeintlich positive Wert-Begriffe zur Legitimation von Unrecht, Unterdrückung und Barbarei instrumentalisiert werden.

    Diese gefährlichen Setzungen sind nicht zufällig, sondern ein zentrales Merkmal autoritärer und totalitärer Systeme. Hannah Arendt analysierte, wie der Totalitarismus spezifische ideologische Werte wie „Rasse“, „Volk“ oder „Nation“ zu dogmatischen, unhinterfragbaren Axiomen erhob. Diese dienten nicht mehr als Orientierung für moralisches Handeln, sondern als Legitimationsquelle für Entrechtung und Gewalt.

    Die Rechtswissenschaft liefert hierzu das historisch wohl schockierendste Beispiel: Die NS-Justiz nutzte Begriffe wie „Gesetzesgehorsam“ und „Staatstreue“ als oberste Werte, um Verbrechen gegen die Menschlichkeit juristisch zu decken. Fritz Bauer und Gustav Radbruch zeigten nach 1945, dass formales Recht ohne Gerechtigkeit seine Legitimität verliert. Dieser historische Bruch ist der Grund, warum die Bundesrepublik Deutschland die Menschenwürde als unantastbares Axiom im Grundgesetz verankerte und damit eine klare, unüberwindbare Grenze zu solchen gefährlichen Setzungen zog.

    Auch in der Ökonomie finden wir diesen Missbrauch. Der vermeintliche Wert der „Effizienz“ oder die „Profitmaximierung“ können als Legitimationsgrundlage dienen, um soziale Ungleichheit, Ausbeutung und Umweltzerstörung zu rechtfertigen. Thomas Piketty und Joseph Stiglitz analysieren, wie solche ökonomischen „Werte“ in Wahrheit Machtverhältnisse stabilisieren, anstatt dem Gemeinwohl zu dienen.

    Die Gefahr des Missbrauchs liegt in der Reduktion von Werten auf bloße Ideologien oder Instrumente. Wie Isaiah Berlin und Chantal Mouffe betonen, liegt die Stärke der Demokratie gerade darin, den Wertpluralismus anzuerkennen und den politischen Raum für eine ständige Aushandlung zu öffnen, um zu verhindern, dass ein einziger Wert alle anderen hegemonial überlagert.

    Der Missbrauch von Werten macht deutlich, dass ihre Kraft zur Orientierung auch eine Kraft zur Manipulation sein kann. Ihre axiomatische Natur, die sie unverzichtbar macht, erfordert eine ständige Wachsamkeit: Werte müssen reflektiert, hinterfragt und demokratisch verteidigt werden, um zu verhindern, dass sie zu Werkzeugen der Rechtfertigung von Unwert werden.

  • Werte als Axiome: Nicht vollständig begründbar, aber handlungsleitend

    Die Analyse aus verschiedenen Fachgebieten zeigt, dass Werte eine doppelte Natur haben: Sie sind einerseits nicht vollständig beweis- oder ableitbar, andererseits aber unverzichtbar für die Handlungsfähigkeit von Individuen, Institutionen und ganzen Gesellschaften. In dieser Hinsicht funktionieren sie wie Axiome in der Mathematik: Sie sind die grundlegenden, nicht hinterfragbaren Annahmen, die es erst ermöglichen, ein System aufzubauen.

    Axiome in den Disziplinen

    1. Philosophie: Bei Kant ist die Menschenwürde das zentrale Axiom. Sie wird nicht aus etwas anderem abgeleitet, sondern als absolute, unantastbare Basisannahme gesetzt, die unser gesamtes moralisches Handeln leitet. In der neorealistischen Ontologie von Markus Gabriel gibt es verschiedene Sinnfelder, die jeweils auf eigenen Basisannahmen beruhen, ohne dass es eine übergeordnete Instanz gäbe, die sie alle begründet.
    2. Soziologie: Talcott Parsons betont, dass Gesellschaften ohne geteilte grundlegende Werte nicht überlebensfähig wären. Diese Werte sind wie Axiome, die Handlungen und Erwartungen koordinieren. Armin Nassehi greift diese Idee auf und betont, dass Werte als reflexive Axiome funktionieren, die einer ständigen Selbstbeobachtung unterliegen müssen, um zu verhindern, dass sie zu starren, dogmatischen Setzungen erstarren.
    3. Rechtswissenschaft: Hier wird die Rolle der Werte als Axiome am deutlichsten. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist ein herausragendes Beispiel: Die Würde des Menschen (Art. 1 Abs. 1 GG) wird als unantastbares Axiom deklariert, das keiner weiteren Begründung bedarf, sondern die Grundlage für alle nachfolgenden Gesetze bildet. Juristen wie Frauke Brosius-Gersdorf betonen, dass gerade dieser axiomatische Status eine ständige reflexive Anwendung erfordert, um Missbrauch zu verhindern.
    4. Ökonomie: Selbst in der Ökonomie gibt es axiomatische Annahmen. In der Spieltheorie und der Rational-Choice-Theorie wird der „erwartete Nutzen“ als ein unhinterfragbares Axiom gesetzt, auf dessen Basis das Verhalten rationaler Akteure modelliert wird.
    5. Politikwissenschaft: John Rawls‘ Gerechtigkeitstheorie basiert auf den Grundprinzipien der Gerechtigkeit als rational vereinbarte Axiome, die das Zusammenleben in einer liberalen Demokratie strukturieren. Hannah Arendt warnte vor totalitären Regimen, die falsche, ideologische Werte (wie „Rassenreinheit“) zu dogmatischen, unhinterfragbaren Axiomen erhoben und damit Unrecht legitimierten.

    Werte sind also keine mysteriösen Größen, sondern handlungsleitende Axiome. Sie sind die notwendigen Startpunkte, um die Komplexität der Welt zu bewerten und zu navigieren. Ihre axiomatische Natur macht sie jedoch anfällig für Missbrauch. Die zentrale Aufgabe besteht daher darin, diese grundlegenden Annahmen stets kritisch zu reflektieren, anstatt sie zu unveränderlichen Dogmen zu erheben.


  • Die transdisziplinäre Natur des Wertbegriffs

    Die vorangegangene Analyse des Wertbegriffs – von der Philosophie über die Soziologie und Rechtswissenschaft bis zur Ökonomie und Politikwissenschaft – hat eine zentrale These bestätigt und vertieft: Werte sind keine absoluten oder metaphysischen Entitäten, sondern transdisziplinäre Konzepte, die sich fundamental aus einer Differenz zu ihrem Gegenteil speisen. Diese relationale Struktur bildet die Grundlage für ihre Funktion als Orientierungspunkte in komplexen Gesellschaften.



    Werte als Differenz, Setzung und Axiom: Ein Gesamtbild

    Die Untersuchung hat gezeigt, dass die zentralen Konzepte Differenz, Setzung und Axiom in jeder Disziplin wiederkehren:

    • Werte als Differenz: Ob es sich um Kants Unterscheidung zwischen Würde und Preis, Marx’ Differenz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert oder Luhmanns Unterscheidung zwischen „wahr/unwahr“ handelt: Wert entsteht immer erst im Verhältnis zu einem Nicht-Wert.
    • Werte als Setzung: Jede Disziplin demonstriert, dass Werte nicht einfach existieren, sondern in einem sozialen Prozess gesetzt werden. Philosophische Setzungen (Nietzsches „Umwertung“), soziologische (Parsons‘ kulturelle Muster), rechtliche (die Menschenwürde im Grundgesetz) oder ökonomische (der subjektive Wert des Grenznutzens) prägen die jeweilige Feldlogik.
    • Werte als Axiome: Trotz ihrer Kontingenz wirken Werte oft wie Axiome – wie grundlegende, nicht weiter ableitbare Annahmen, die dennoch für die Funktionsfähigkeit von Systemen unerlässlich sind. Die Menschenwürde im Verfassungsrecht, Freiheit und Gleichheit in der politischen Philosophie (Rawls) oder der erwartete Nutzen in der Spieltheorie sind Beispiele für solche leitenden Axiome.
  • Syntese: Wert und Nichtwert als Differenz

    Gemeinsamer Nenner: Wert konstituiert sich durch Abgrenzung

    Die vorangegangene Analyse, die sich über philosophische, soziologische, rechtliche, ökonomische und politische Ansätze erstreckt, mündet in eine entscheidende, metatheoretische Einsicht: Wert konstituiert sich stets durch Abgrenzung. Jede Disziplin, unabhängig von ihrem spezifischen Fokus, bestätigt, dass der Begriff des Wertes relational ist. Er entsteht nicht als isoliertes, in sich ruhendes Phänomen, sondern gewinnt seinen Sinn und seine Wirkmacht erst im Zusammenspiel und in der kategorialen Differenz zu dem, was als Nicht-Wert verstanden wird.

    • Philosophie: Die Unterscheidung beginnt schon in der Antike. Bei Aristoteles ist es die Differenz zwischen Gebrauchs- und Tauschwert. Bei Kant wird der unbedingte Wert der Würde nur im Kontrast zu dem, was einen Preis hat, verständlich. Selbst die relativistische Perspektive von Nietzsche argumentiert, dass Werte wie „gut“ und „böse“ aus einer historischen Abgrenzung entstehen.
    • Soziologie: Luhmanns Systemtheorie ist das paradigmatische Beispiel für dieses Prinzip. Werte sind hier funktionale Differenzen, die sozialen Systemen ihre Identität verleihen und Kommunikation ermöglichen – das Rechtssystem operiert über die Unterscheidung „recht/unrecht“, die Wissenschaft über „wahr/unwahr“.
    • Rechtswissenschaft: Das Recht selbst funktioniert als ein System der Abgrenzung. Die Verfassung setzt Werte wie die Menschenwürde, gerade weil sie als fundamentale Differenz zu Unrecht und Barbarei verstanden wird. Das Strafrecht operationalisiert diese Unterscheidung ganz praktisch, indem es Wert (z.B. das Leben) von Unwert (dem Mord) trennt und verfolgt.
    • Ökonomie: Die ökonomische Werttheorie ist ebenfalls relational. Der Wert einer Ware bemisst sich bei Marx im Vergleich zur gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, bei den Neoklassikern ist der Grenznutzen eine explizite relationale Kategorie. Auch in der Verhaltensökonomik wird Wert im Verhältnis zu psychologischen Anreizen und Verlustaversion gesetzt.
    • Politikwissenschaft: In der Politik sind Werte die Grundlage für Legitimation und Konflikt. Max Weber zeigt, dass wertrationales Handeln in Abgrenzung zu zweckrationalem Handeln steht und politisches Handeln erst legitimiert. Isaiah Berlin betont, dass Werte in Demokratien oft inkommensurabel sind und im Verhältnis zueinander stehen (Freiheit vs. Gleichheit). Hannah Arendt zeigt, wie autoritäre Regime die Unterscheidung von „wir“ und „die anderen“ als totalitäre Setzung missbrauchen.

    In allen Feldern ist „Wert“ also ein dynamisches Konzept, das nur durch seine Abgrenzung zum „Nicht-Wert“ – sei es das Nicht-Wertvolle, das Unrechte oder das Unwirtschaftliche – existieren kann. Diese Erkenntnis macht den Begriff nicht beliebig, sondern zeigt vielmehr seine zentrale Rolle als fundamentales Werkzeug, um die Komplexität der Welt zu strukturieren.

    Die interdisziplinäre Betrachtung zeigt, dass Werte das komplexe Ergebnis von Differenz1, Setzung und Reflexion sind. Sie sind somit ein lebendiger, handlungsleitender Prozess, der die Grundlage für eine zivilisierte, demokratische und pluralistische Gesellschaft bildet.

    1Rasche, Michael https://michaelrasche.eu/differenz/

  • Nancy Fraser: Werte, Gerechtigkeit und Macht

    Wert als Differenz: Fraser analysiert Werte in Relation zu materieller Verteilung und kultureller Anerkennung. Werte entfalten sich im Spannungsfeld gesellschaftlicher Interessen.1

    Werte als Setzung: Werte spiegeln Machtverhältnisse und Kämpfe um Anerkennung wider; sie entstehen gesellschaftlich, nicht neutral.2

    Gefährliche Setzungen: Fraser betont die Notwendigkeit kritischer Reflexion, um die Folgen destruktiver Wertsetzungen sichtbar zu machen. Werte können sonst bestehende Ungleichheiten stabilisieren oder verschärfen.3

    Werte als Axiome: Für Fraser sind Werte sozial eingebettet und immer auf Gerechtigkeit und Demokratie bezogen. Sie sind notwendig für Orientierung, aber niemals isoliert gültig.4

    1Nancy Fraser, Redistribution or Recognition? A Political-Philosophical Exchange (London: Verso, 2003), Kap. 2.

    2Ebd., Kap. 3: „Social Justice and Value Conflict“.

    3Nancy Fraser, Scales of Justice (New York: Columbia University Press, 2008), S. 35–72.

    4Ebd., S. 73–101.

  • Chantal Mouffe: Werte in agonistischen Demokratien

    Wert als Differenz: Mouffe betont die inhärente Konflikthaftigkeit von Werten. Sie sind relational, weil sie in politischen Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Gruppen relevant werden.1

    Werte als Setzung: Werte entstehen in der Praxis politischer Aushandlung, nicht als fertige Normen. Sie sind immer prozessual und abhängig von Machtkonstellationen.2

    Gefährliche Setzungen: Mouffe warnt vor autoritären oder harmonistischen Wertvorstellungen, die Andersdenkende ausschließen. Demokratie lebt von der Anerkennung legitimen Andersseins und offener Konflikte.3

    Werte als Axiome: In agonistischen Demokratien werden Werte nie absolut fixiert. Sie sind Grundlage für politische Praxis, aber immer diskursiv und überprüfbar.4



    1Chantal Mouffe, The Democratic Paradox (London: Verso, 2000), Kap. 1.

    2Ebd., Kap. 3: „Agonistic Pluralism“.

    3Chantal Mouffe, On the Political (London: Routledge, 2005), S. 22–56.

    4Ebd., S. 57–84.

  • Zeitgenössische politikwissenschaftliche Perspektiven

    John Rawls: Werte als rational vereinbarte Grundprinzipien

    Wert als Differenz: Rawls erkennt, dass Werte nur relational sinnvoll sind. Freiheit, Gleichheit und Fairness entfalten Bedeutung im Verhältnis zueinander, nicht isoliert.1

    Werte als Setzung: In Rawls’ Theorie entstehen Werte nicht metaphysisch, sondern durch rationale Vereinbarung unter dem „Schleier des Nichtwissens“ – ein gedanklicher Mechanismus, der persönliche Interessen ausschließt und allgemeingültige Prinzipien ermöglicht.2

    Gefährliche Setzungen: Rawls teilt die Warnung vor willkürlichen oder destruktiven Wertsetzungen. Seine Theorie ist insbesondere auf den Schutz der am wenigsten Begünstigten ausgerichtet und prüft Werte auf ihre gesellschaftliche Fairness.3

    Werte als Axiome: Die Grundprinzipien der Gerechtigkeit können als Axiome betrachtet werden: sie sind unverzichtbar für die Orientierung in gesellschaftlicher Handlungsplanung, aber nicht weiter ableitbar.4

    1John Rawls, A Theory of Justice (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1971), Kap. 1–2.

    2Ebd., Kap. 2: „The Original Position and Justification“.

    3Ebd., Kap. 2–3.

    4Samuel Freeman, Rawls (London: Routledge, 2007), S. 45–78.

  • Wertpluralismus vs. Werthegemonie(Isaiah Berlin)

    Isaiah Berlin hat in seinem Konzept des Wertpluralismus betont, dass es in modernen Gesellschaften nicht den einen wahren Wert gibt, sondern eine Vielzahl von Werten, die miteinander konkurrieren und oft unvereinbar sind. Werte wie Freiheit, Gleichheit, Sicherheit oder Solidarität können nicht in einem übergeordneten System vollständig harmonisiert werden. Politische Ordnungen müssen also lernen, mit unaufhebbaren Spannungen zu leben.1

    Berlin warnte zugleich vor Werthegemonien: Der Versuch, einen Wert absolut zu setzen (z. B. Sicherheit über alles), führt zur Unterdrückung anderer legitimer Werte. Damit liefert Berlin einen zentralen Beitrag zur Demokratietheorie: Politik muss Räume schaffen, in denen Werte verhandelbar bleiben, ohne in Beliebigkeit abzugleiten.

    Werte als Differenz: Berlin argumentiert, dass Werte stets in Differenz zueinander stehen und oft inkommensurabel sind. Freiheit und Gleichheit, Sicherheit und Gerechtigkeit – sie alle können nicht vollständig aufeinander reduziert werden.2

    Werte als Setzung: Jede Gesellschaft priorisiert bestimmte Werte über andere. Diese Setzungen sind unvermeidbar, aber niemals endgültig; sie spiegeln historische Erfahrungen und politische Kämpfe wider.3

    Gefährliche Setzungen: Berlin warnt vor Werthegemonien, also der Versuchung, einen Wert absolut zu setzen. Wer Sicherheit oder Gleichheit über alles stellt, unterdrückt andere Werte und gefährdet so die Freiheit.4


    Werte als Axiome: Für Berlin gibt es keine übergeordnete Hierarchie, die alle Werte ordnet. Werte sind plural, teilweise unvereinbar und dennoch alle grundlegend. Politische Ordnung besteht darin, mit diesen Spannungen produktiv zu leben.5

    Die politikwissenschaftliche Perspektive zeigt, dass Werte in der Politik mehr sind als moralische Orientierungen: Sie sind Legitimationsgrundlagen, Machtinstrumente und Konfliktfelder.

    • Weber macht deutlich, dass ohne Werte keine politische Legitimität existiert.
    • Arendt warnt vor den Gefahren ideologischer Setzungen, die Werte in Herrschaftsmittel verwandeln.
    • Berlin betont, dass demokratische Politik die Kunst ist, mit einem unaufhebbaren Wertpluralismus zu leben, ohne einer hegemonialen Setzung zu verfallen.

    Damit wird deine These erneut bestätigt: Werte sind weder naturgegeben noch unproblematisch – sie sind gesetzt, umstritten und politisch folgenreich.


    1Isaiah Berlin, Four Essays on Liberty (Oxford: Oxford University Press, 1969).

    2Isaiah Berlin, Two Concepts of Liberty (Oxford: Clarendon Press, 1958).

    3Isaiah Berlin, Four Essays on Liberty (Oxford: Oxford University Press, 1969)

    4Isaiah Berlin, Against the Current: Essays in the History of Ideas (London: Hogarth Press, 1979).

    5John Gray, Isaiah Berlin (Princeton: Princeton University Press, 1996).

  • Ideologische Setzungen und Totalitarismus (Hannah Arendt)

    Hannah Arendt hat in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951) gezeigt, wie totalitäre Systeme Werte als ideologische Setzungen missbrauchen. Totalitarismen erklären bestimmte Werte (z. B. „Volk“, „Reinheit“, „Nation“) zu unhinterfragbaren Axiomen und unterwerfen alle Lebensbereiche diesen Setzungen. Gerade darin liegt für Arendt das Spezifikum des Totalitarismus: Er verwandelt Werte in dogmatische Legitimationsquellen, die keine Kritik mehr zulassen.1

    Wert als Differenz und Setzung: Arendt sieht Werte als politisch und historisch konstruierte Größen, die nur im Kontext sozialer und kultureller Ordnungen Bedeutung erlangen.

    Gefährliche Setzungen: Ihr zentrales Anliegen ist die Analyse totalitärer Systeme, die eigene Werte (Volk, Nation, Rasse) zu dogmatischen Axiomen erklären. Diese dienen nicht der Orientierung, sondern der Rechtfertigung von Unterdrückung und Vernichtung.2

    Moralische Bewertung: Arendt insistiert darauf, dass formale Wertsetzungen nicht automatisch moralisch bindend sind. Innere Maßstäbe und Reflexion sind notwendig, um destruktive Wertsetzungen zu erkennen und ihnen zu widerstehen.3

    Werte als Axiome: In totalitären Regimen erstarren Werte zu dogmatischen, unhinterfragbaren Axiomen. Arendt betont die Notwendigkeit, solche „Axiome“ immer wieder kritisch aufzubrechen, um die Freiheit menschlichen Handelns zu bewahren.4



    1Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (München: Piper, 1955 [zuerst engl. 1951]).

    2Ebd., Teil III: Totalitarismus

    3Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik (München: Piper, 2006 [zuerst 1965])

    4Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben (München: Piper, 1960)