Kieselsteine

  • Handeln durch Unterlassen: Die politische Tragödie

    Aus dieser unentrinnbaren Differenz zwischen den Standpunkten und dem Gefängnis der Sprache entsteht die politische Tragödie.

    Wir handeln immer – auch wenn wir nicht handeln, also unterlassen, dann handeln wir im politischen Sinne. Die meisten Bürger eines Gemeinwesens verkennen dies, da sie meinen, unpolitisch zu sein und lediglich ihrer Arbeit nachzugehen. Sie bilden sich ein, die Politik sei das, was „die Politiker“ machen.

    Tatsächlich aber ist es unserer aller Sache. Jeder ist Gegenstand der Politik, weil jeder ein Teil des Sozialen ist. Die Verbindlichkeit aller in dieser gemeinsamen Sache kann sich nur dadurch herstellen, dass auch diejenigen, die sich scheinbar nicht beteiligen, durch diese Unterlassung den Mächtigen und Machern zustimmen. Wenn diese Unterlasser dann über „die da oben“ motzen oder Nichtwähler sagen, dass „man“ eh nichts ändern könnte, dann bestätigen sie nur ihre eigene Machtlosigkeit und ändern eben nichts. Auch dies ist ein Handeln im politischen Sinne. Politische Macht kann nur dort entstehen, wo sie zugelassen wird – und sei es durch Unterlassung.

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  • Der unvermeidbare Standpunkt

    Doch offensichtlich können wir keinen einzigen, gemeinsamen Standpunkt einnehmen. Jeder Einzelne verharrt letztlich auf seinem eigenen Standpunkt. Die Menge mag zwar eine sein, aber die einzelnen Punkte in dieser Menge sind fundamental verschieden. Selbst in der engsten Beziehung stimmen wir niemals vollständig mit dem anderen überein.

    Diese Divergenz mag banal erscheinen, doch sie hat tiefgreifende Ursachen – sei es der unterschiedliche Geburtszeitpunkt
    eineiiger Zwillinge oder die unterschiedliche Sozialisation. Obwohl der genetische Code identisch sein mag, werden sich die Menschen nicht gleichen und nicht den gleichen Standpunkt einnehmen können. Alle Standpunkte haben zunächst das gleiche Recht, aber sie sind niemals gleich. Wir sind zu verschieden, als dass wir wirklich übereinstimmen könnten.

    Diese grundlegend vorhandene Differenz führt bei ihrer Ausdifferenzierung nicht nur zu unterschiedlichen Sprachen und Kulturen, sondern leider häufig genug in der Geschichte der Menschheit zu Krieg und Auslöschung. Die Vernichtung anderer Spezies ist dabei nur ein weiteres Beispiel für die kurzsichtige Selbstzerstörung, die uns droht.

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  • Das Gefängnis der Sprache

    Wir sind nicht nur Teil des Sozialen, wir sind auch geformt durch das Medium, in dem wir denken: die Sprache. Dass diese Gedanken in deutscher Sprache formuliert sind, liegt darin begründet, dass es meine Muttersprache ist. Die Sprache prägt das Denken in einer Weise, die Überlegungen unter Umständen unübersetzbar macht.

    Genau diesen fundamentalen Unterschied zwischen den Sprachen – und damit den Kulturen – zu überwinden, ist eine der wichtigsten politischen Investitionen. Doch stattdessen verweigern wir den Gedankenaustausch, indem wir den Sprachwissenschaften nicht die gleiche Wertigkeit beimessen wie der Entwicklung einer Kampfdrohne. Der Mensch, der der Drohne begegnet, muss sterben, weil wir nicht bereit sind, in den Dialog zu investieren.

    So sehr wir uns systembedingt nicht von außen untersuchen können, so sehr sind wir gemeinsam verbunden. Das, was uns von der Welt trennt – unser Bewusstsein und unsere Kultur –, ist gleichzeitig das, was uns miteinander verbindet. Es gibt eine gemeinsame Sache, eine Res Publica.

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  • Die unentrinnbare Subjektivität: Sprache, Standpunkt und die Res Publica

    Die gemeinsame Sache erfordert eine Investition in die Ethik der Intelligenz, doch diese Investition wird durch eine fundamentale Hürde erschwert: Wir können uns selbst nicht von außen betrachten. Die Bibliotheken sind überreich an Abhandlungen über die Gesellschaft, die Polis und die Politik. Es verhält sich damit wie mit der Betriebs- und Volkswirtschaft: Es existieren zwar zahlreiche Rezepte, doch niemand weiß letztlich wirklich, wie das Zusammenleben der Menschen funktioniert.

    Das tiefste Hindernis bei der Erforschung unserer eigenen gesellschaftlichen Mechanismen ist ein einfaches: Der Mensch kann sich nicht von außen beobachten, er kann nicht aus seiner Haut. Jeder von uns ist unentrinnbar Teil der Menschheit. Während die außermenschlichen Gegenstände der Untersuchung vergleichsweise leicht zugänglich sind, bleibt uns die Interaktion aller unserer eigenen Teile, das soziale Ganze, weitgehend verborgen.

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  • Die Verengung der Wissenschaft und die „Gemeinsame Sache“

    Heute entsteht jedoch das Gefühl, all diese Bemühungen seien umsonst gewesen. Wir gerieren uns, als ob die bloßen Worte messbar wären. Die Natur- und Ingenieurswissenschaften dominieren die Wahrnehmung von Wahrheit. Jene Wissenschaften jedoch, die wirklich wichtig wären, um menschliche Katastrophen zu verhindern – die Geistes- und Sozialwissenschaften – in sie investieren wir kaum noch einen Cent.

    Bevor wir Geld in den nächsten Teilchenbeschleuniger stecken, dessen Abfallprodukt die Kampfdrohne in den Krieg schickt, müssen wir uns fragen, wohin es mit der gemeinsamen Sache überhaupt gehen soll.

    Im Grunde suchen wir nach einer dickeren Tür, die dem Einbrecher das Eindringen erschwert. Wir sammeln immer mehr Daten, um bessere Prognosemodelle des menschlichen Verhaltens zu erstellen. Das mag die Tür dicker machen, aber es löst nicht das grundlegende Problem menschlicher Gier, Arroganz und fehlender Ethik. Eine nichteuropäische Kultur akzeptierte einst einen quergelegten Stock als Tür, weil Diebstahl in ihrer Gemeinschaft schlicht nicht vorgesehen war.

    Die gemeinsame Sache ist nicht das Sammeln von Daten oder die Entwicklung von Tötungsmaschinen; sie ist die Investition in die Ethik der Intelligenz, damit die Vernunft nicht nur kann, sondern auch will – im Dienst des Friedens und des menschlichen Wohls.

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  • Der Verrat der Intelligenz

    Die eigentliche Katastrophe liegt darin, dass es jedes Mal intelligente Menschen sind, die solche Szenarien schaffen – von der Drohne bis zur Oligarchie. Es ist die sich selbst überhebende Intelligenz, die meint, in ihrem jeweiligen Denken und ihrer Überlegenheit recht zu haben. Der anfängliche Verein für Frieden scheiterte aus genau diesen Gründen: Die Intelligentesten streiten am besten, weil sie am meisten von ihrer eigenen Überlegenheit überzeugt sind.

    Wer nun jedoch glaubt, die Lösung sei der Durchschnittsmensch oder gar die Dummheit, der irrt fundamental. Gerade derjenige, der sich ständig unterlegen fühlt – ob intellektuell, sozial oder wirtschaftlich – läuft Gefahr, eines Tages mit irrationaler und emotional gesteuerter Gewalt auszubrechen. Konflikte können so simpel sein wie das Minderwertigkeitsgefühl eines Machthabers, der es seiner überlegenen Verwandtschaft „zeigen“ will.

    Die Barbarei des Dritten Reiches fand vor dem Hintergrund der Gedankenwelt der Aufklärung statt – im Bürgertum, dem die Worte Demokratie, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bekannt sein mussten. Die Intellektuellen der Frankfurter Schule, Adorno und Horkheimer, versuchten nach dem Krieg, diese Katastrophe zu verstehen.

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  • Die Dünnheit der Zivilisationsdecke und die neue Barbarei

    Die Ereignisse in Serbien und im Kosovo zeigten erschreckend deutlich, wie dünn die Zivilisationsdecke ist. Die kalten Kriege können jederzeit in das tatsächliche Töten von Menschen umschlagen. Doch es wird noch schlimmer, denn die Kriegführung selbst verliert ihre menschliche Komponente.

    Wenn in Urzeiten zwei gleichstarke Menschen mit Steinklinge kämpften und keiner den anderen besiegen konnte, führte die Müdigkeit des Kampfes schließlich zum Frieden. Die Gegner waren menschlich. Wenn heute ein Mensch einer Kampfdrohne begegnet, hat er kein menschliches Gegenüber mehr. Er kann nicht einmal um Frieden oder Gnade bitten. Er ist einer Maschine ausgeliefert, die von einem weit entfernten Politiker geschickt wurde.

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  • Die Geburt des Zwiespalts

    Die Bilder zerbombter Vororte Londons im Jahr 1946 inspirierten einen Briten und einen Australier zu einer noblen Vision: Sie wollten einen Verein gründen, der die Intelligenz in den Dienst des Friedens und zum Wohle der Menschheit stellen sollte. Aus dieser hoffnungsvollen Idee entstand jedoch lediglich ein Rätsel- und Amüsierclub – offen nur für die obersten drei Prozent des Intelligenzquotienten. Was hier auf kleiner Bühne geschah, ist eine Metapher für unser globales Dilemma: Intelligenz bedingt keine Ethik.

    Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs musste 1946 eine solche Initiative quasi erzwingen. Meine eigene Generation ist ein Kind des Kalten Krieges, der in einen digitalen Informationskrieg
    gemündet ist. Auch wenn wir in Europa von einer langen
    Friedenszeit sprechen, bezieht sich das lediglich auf den
    physischen Krieg – auf Mord und Totschlag – deren Höhepunkt der Zweite Weltkrieg darstellte. Im Untergrund brodeln die
    Konflikte weiter.

  • Keine Geschichte

    Wenn man die Linien zwischen den Einträgen zieht, entsteht kein geschlossenes System, sondern ein Feld: zwischen Macht und Wert, zwischen Sein und Schein, zwischen Geschichte und Wiederholung.


    Die Diagnose lautet nicht: So ist die Welt.

    Sondern: So könnte sie sich fortsetzen, wenn ihre Muster ungebrochen bleiben.

    „Wert und Nichtwert“ sind keine Gegensätze, sondern zwei Pole eines sozialen und geistigen Magnetfelds. Der Wert konstituiert sich durch seine Grenzen – der Nichtwert ist seine Bedingung.

    Vielleicht besteht der eigentliche Fortschritt nicht im Bruch mit der Vergangenheit, sondern in der Erkenntnis ihrer Wiederkehr.

    Vielleicht liegt der Sinn nicht in der Geschichte, sondern in ihrem bewussten Unterbrechen.

    Dies ist – im wörtlichen Sinn – keine Geschichte, sondern der Versuch, Geschichte lesbar zu machen, bevor sie sich wiederholt.

  • Die Analyse von Werten und Nichtwerten

    Die wissenschaftlich fruchtbarste Erkenntnis ist, dass es nicht genügt, nur die „Werte“ zu analysieren. Der Schlüssel zum Verständnis liegt in der Konstruktion von „Nichtwerten“ und den Prozessen der Ausgrenzung, die diesen zugrunde liegen.

    • Hannah Arendt lehrte uns, dass totalitäre Regime „Unwerte“ (wie bestimmte Völker oder Gruppen) konstruieren, um ideologische Werte (wie die „Reinheit der Rasse“) dogmatisch zu setzen und zu legitimieren.
    • Im Rechtswesen zeigt sich die Gefahr darin, dass formale „Werte“ (wie Gehorsam gegenüber Gesetzen) genutzt werden, um Unrecht zu legalisieren.
    • In der Ökonomie kann die einseitige Fixierung auf „Werte“ wie Effizienz zur Folge haben, dass die daraus resultierenden „Nichtwerte“ wie Ungleichheit und Ausbeutung legitimiert werden.

    Werte sind also notwendige Orientierungsgrößen. Ihre größte Gefahr liegt jedoch darin, dass sie ihre funktionale, relationale Natur verlieren und zu starren Dogmen erstarren. Die Aufgabe von Wissenschaft und Gesellschaft ist es, die Prozesse der Wertbildung – und der Ausgrenzung des Nichtwerts – kontinuierlich zu hinterfragen, um die Grundlage für eine offene, plurale und gerechte Gesellschaft zu bewahren.