Kieselsteine

  • Die Kulturlosigkeit der Überflutung

    Dieser rasende Verfall wichtiger Informationsträger in Kombination mit der Flut der kulturellen Schöpfungen führt dazu, dass wir kulturlos werden. Wir verlieren die Fähigkeit, nachzuvollziehen, was auf die Menschen vor der großen Barbarei des Zweiten Weltkriegs einwirkte.

    Die Zerstörung des kulturellen Gedächtnisses durch Vernachlässigung und technologisches Diktat ist eine direkte Folge des globalen Manchesterkapitalismus und der Ethik-Ignoranz der Elite. Eine gemeinsame Sache muss die kulturelle Vielfalt als Überlebensnotwendigkeit begreifen und dem Diktat der Wirtschaftlichkeit die Pflege der Tradition entgegensetzen.

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  • Das Diktat des Wandels und der Verlust derNachhaltigkeit

    Kultur und Gesellschaft sind eng miteinander verknüpft und einem stetigen, sich beschleunigenden Wandel unterworfen. Vor achthundert Jahren nähten wir unsere Kleider selbst; im Zeitalter des Hauptmanns von Köpenick war der Schneider noch selbstverständlich; heute ist die gesamte Kleiderproduktion in Konfektionsgrößen irgendwo in Bangladesh und China angesiedelt.

    Die Geschwindigkeit dieses Wandels ist verheerend. Kaum ist eine Ausbildungsverordnung beschlossen, sind die vermittelten Inhalte schon veraltet (z.B. der schnelle Wechsel von Yellowcable zu WLAN). Nachhaltigkeit und Beständigkeit werden geopfert.

    Nicht alles ist schützenswert. Aber kulturelle Informationsträger wie Steintafeln und Bücher waren haltbarer als unsere modernen Datenträger, deren Haltbarkeit kaum zwanzig Jahre beträgt. Selbst kulturhistorisch bedeutsame Werke wie Fritz Langs Metropolis konnten nur mit Mühe und Not gerettet werden. Eine Vielzahl von Filmen der Vorkriegszeit ist bereits unwiederbringlich verloren.

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  • Kultur als immaterielles Erbe und fehlender Respekt

    Die UNESCO versucht zurecht, das immaterielle Kulturerbe der Weltgesellschaft zu schützen: mündlich überlieferte Traditionen, darstellende Künste, gesellschaftliche Bräuche und traditionelle Handwerkstechniken. Doch wie bei den Menschenrechten fehlt in der täglichen Politik der Respekt vor diesen Werten.

    Die industrielle Produktion und die Wirtschaftlichkeit sind jeweils weit wichtiger als die unterschiedlichen Kulturerben. Es scheint, als könnten wir es uns nicht leisten, vergangene Schaffensformen zu pflegen und aufrechtzuerhalten.

    Kulturpolitik wird dabei oft nur als Kunstpolitik betrieben – gefördert wird, was die Mehrheit und die jeweilige Elite unter „Kultur“ verstehen. Dabei wären gerade die aussterbenden Minderheitskulturen besonders förderungswürdig.

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  • Die Kultur: Die Vernachlässigung der Vielfalt und der rasende Verfall

    Die Kultur umfasst die unsichtbaren Regeln, die unser Zusammenleben formen – ob wir mit Messer und Gabel, mit Stäbchen oder mit Händen essen, ob wir Hände schütteln oder uns umarmen. Diese Regeln sind in der jeweiligen Kultur verankert und bedürfen keiner staatlichen Gesetze. Multikulturelle Umgebungen sind immer Kompromisse, da man nicht gleichzeitig mit den Händen isst und eine Visitenkarte mit beiden Händen überreicht.

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  • Die Homogenisierung der Weltgesellschaft

    Vor zweihundert Jahren gab es noch Nischen mit tatsächlich anderen, alternativen Kulturen. Heute leben wir in einer Weltgesellschaft. Zwar gibt es noch Unterschiede, aber innerhalb börsennotierter Weltunternehmen sind diese minimal. Allein die Art des Wirtschaftens ist weltweit identisch, wenn ein Unternehmen an der New Yorker Börse gelistet sein will.

    Diese Homogenisierung des Denkens und Handelns, die dem globalen Kapitalismus dient, macht es umso dringender, die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft zu überwinden und sich der gemeinsamen Sache als einer universellen, kulturell übergreifenden Aufgabe zuzuwenden. Der Mensch muss sich seiner Abhängigkeit von der Tradition und seiner eigenen intellektuellen Beschränktheit bewusst werden, um das Muster der Selbstzerstörung zu durchbrechen.

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  • Die Begrenzung der Erfahrung

    Doch es scheint nichts zu nützen: Der Mensch neigt dazu, sich in die gleiche Richtung zu entwickeln, sobald der letzte Krieg nur weit genug entfernt ist und die letzten Überlebenden gestorben sind. Es ist kaum hundert Jahre her, dass Bündnispartner aufgrund eines Einzeltäters in den weltweiten Krieg zogen.

    Die Geschichten dieser Kriege werden zwar erzählt und tradiert, aber das Erlebte – die unmittelbare Hölle – kann nicht weitergegeben werden. Die Erfahrung des Hasses und des Krieges ist nicht naturwissenschaftlich nachvollziehbar. Der Mensch ist in seiner Vorstellung begrenzt.

    Wer mit abschließbaren Türen aufgewachsen ist, kann sich die friedliche Welt ohne Zäune kaum vorstellen (wie im Beispiel der Maya). Wir sind unfähig zu erkennen, wie uns die alltäglichen Traditionen prägen und unsere Vorstellungskraft begrenzen.

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  • Die Fragilität der Tradition

    Wir sind nicht messbar intelligenter oder schlauer als ein Mensch von vor 35.000 Jahren. Alles, was wir sind, verdanken wir letztlich der Möglichkeit, Wissen zu tradieren und über Generationen weiterzugeben. All dies kann aber auch verloren gehen.

    Die Überheblichkeit, mit der wir beispielsweise das europäische Mittelalter betrachten, ist dieselbe Überheblichkeit, mit der China kolonisiert werden sollte. Der Mensch ist dem Menschen Feind, und wir sind blind dafür, was wir durch unseren Egoismus und unsere Ignoranz zerstören. Wir wenden uns nicht uns selbst und unserer gemeinsamen Sache zu.

    Die Dialektik der Aufklärung versuchte im Angesicht der jüngsten Katastrophen, einen Blick darauf zu werfen, was schiefgelaufen sein könnte. Obwohl die Aufklärung das Recht aller Menschen zu Tage gefördert hatte, hätte es das Dritte Reich niemals geben dürfen, wären diese Rechte tatsächlich verinnerlicht und gelebt worden.

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  • Die Menschen: Die Hybris der Gegenwart und die Begrenztheit der Vorstellung

    Erkenne Dich selbst!“ und „Ich denke, also bin ich.“ – Diese klassischen philosophischen Imperative führen uns an den Ursprung: das Individuum. Doch die menschliche Existenz ist untrennbar mit der Gemeinschaft verbunden. Kein Mensch könnte etwas erreichen, denken oder urteilen, hätte er nicht Vorfahren gehabt und wäre er nicht in die jetzige Gesellschaft hineingeboren.

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  • Die Gefahr des Nationalismus

    Die Würde im Sinne des Grundgesetzes beinhaltet das Recht auf Selbstbestimmung und die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Doch Stück für Stück wird an diesem Recht herumgefingert, Wörter werden eingefügt, Einschränkungen beschlossen, bis der Gesetzgeber die Unantastbarkeit praktisch abgeschliffen hat.

    Selbst wenn die Lage in Deutschland noch besser wäre als anderswo, die Forderung lautet: Die Würde eines jeden Menschen, nicht nur des deutschen Menschen, ist unantastbar. Doch die Regierung besteigt wieder den nationalistischen Zug – unter dem Jubel derer, die nur für Deutschland, aber nicht für die gemeinsame Sache denken. Der Verlust der Würde ist daher der Endpunkt einer Politik, die den nationalen Vorteil über die universelle menschliche Ethik stellt.

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  • Die Würde aller als Königsrecht

    Wir stellen uns eine würdevolle Behandlung oft als den Empfang eines Staatsoberhauptes mit rotem Teppich und Ehrengarde vor. Wenn wir uns vor Augen halten, dass wir jeden Menschen so behandeln müssten, um ihm Würde zuzuerkennen, dann wäre Würde nur erreichbar, wenn wir alle Könige wären.

    Der leichtere Weg ist jedoch, das Staatsoberhaupt nur als gleichen Menschen zu betrachten und ihm lediglich die gleiche Würde zuzugestehen wie jedem anderen. Die eitlen Traditionalisten, die besser behandelt werden wollen, würden dies ablehnen. Doch die Traditionen des Protokolls entstammen der Ungleichheit vor der Französischen Revolution.

    Jeder Parlamentarier hat nicht mehr Würde als jeder Bürger. Der Berliner Pomp löste die Bonner Schlichtheit ab und zeugt vom Verlust dieser Gleichheit. Der Begriff der Würde weicht auf.

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