Werte sind zwar handlungsleitende Axiome und essenziell für die Gesellschaftsordnung, doch gerade ihre normative Kraft birgt ein großes Missbrauchspotenzial. Historisch zeigt sich immer wieder, wie vermeintlich positive Wert-Begriffe zur Legitimation von Unrecht, Unterdrückung und Barbarei instrumentalisiert werden.
Diese gefährlichen Setzungen sind nicht zufällig, sondern ein zentrales Merkmal autoritärer und totalitärer Systeme. Hannah Arendt analysierte, wie der Totalitarismus spezifische ideologische Werte wie „Rasse“, „Volk“ oder „Nation“ zu dogmatischen, unhinterfragbaren Axiomen erhob. Diese dienten nicht mehr als Orientierung für moralisches Handeln, sondern als Legitimationsquelle für Entrechtung und Gewalt.
Die Rechtswissenschaft liefert hierzu das historisch wohl schockierendste Beispiel: Die NS-Justiz nutzte Begriffe wie „Gesetzesgehorsam“ und „Staatstreue“ als oberste Werte, um Verbrechen gegen die Menschlichkeit juristisch zu decken. Fritz Bauer und Gustav Radbruch zeigten nach 1945, dass formales Recht ohne Gerechtigkeit seine Legitimität verliert. Dieser historische Bruch ist der Grund, warum die Bundesrepublik Deutschland die Menschenwürde als unantastbares Axiom im Grundgesetz verankerte und damit eine klare, unüberwindbare Grenze zu solchen gefährlichen Setzungen zog.
Auch in der Ökonomie finden wir diesen Missbrauch. Der vermeintliche Wert der „Effizienz“ oder die „Profitmaximierung“ können als Legitimationsgrundlage dienen, um soziale Ungleichheit, Ausbeutung und Umweltzerstörung zu rechtfertigen. Thomas Piketty und Joseph Stiglitz analysieren, wie solche ökonomischen „Werte“ in Wahrheit Machtverhältnisse stabilisieren, anstatt dem Gemeinwohl zu dienen.
Die Gefahr des Missbrauchs liegt in der Reduktion von Werten auf bloße Ideologien oder Instrumente. Wie Isaiah Berlin und Chantal Mouffe betonen, liegt die Stärke der Demokratie gerade darin, den Wertpluralismus anzuerkennen und den politischen Raum für eine ständige Aushandlung zu öffnen, um zu verhindern, dass ein einziger Wert alle anderen hegemonial überlagert.
Der Missbrauch von Werten macht deutlich, dass ihre Kraft zur Orientierung auch eine Kraft zur Manipulation sein kann. Ihre axiomatische Natur, die sie unverzichtbar macht, erfordert eine ständige Wachsamkeit: Werte müssen reflektiert, hinterfragt und demokratisch verteidigt werden, um zu verhindern, dass sie zu Werkzeugen der Rechtfertigung von Unwert werden.