Kapitel 35 – Der Abend, an dem die Welt stillstand

Jeder weiß, wo er war,
als die Mauer fiel.
Es ist einer dieser seltenen Momente,
die sich wie eingebrannt haben –
in Zeit, Raum und Gedächtnis.

Ich war mit meinem Vater
in der Sonnenstraße 20,
Lohnabrechnungen durchgehen.
Routine, wie so oft.
Dann kam der Anruf:
„Mach den Fernseher an.“

Was dann geschah,
ließ die Welt stillstehen.
Der Bildschirm flimmerte,
dann Bilder –
Menschen,
Grenzübergänge,
Freudentränen.
Ost-Berliner, die rüberkamen.
West-Berliner, die Sektflaschen öffneten.
Grenzer, die nicht mehr wussten,
ob sie „Stopp“ oder „Willkommen“ sagen sollten.
Ein Moment zwischen
Befehl und Menschlichkeit.

Und wir?
Wir klebten am Fernseher,
wie gelähmt vor Unglaublichem.

Ich kannte die Vorboten.
Da war ein Geschäftspartner aus Ungarn.
Ein DDR-Bürger, der in Ungarn lebte
und sich mit mir in München
einen BRD-Pass besorgte.
Er war kein typischer Flüchtling.
Er hatte Arbeit, Sicherheit,
eine Lithographieproduktion als Kooperationspartner –
er war nicht auf der Flucht.
Er wollte nur Vorsorge treffen.
Für den Fall,
dass das ganze Tauwetter plötzlich
in Eiseskälte umschlug.

Denn wir wussten es nicht.
Im Frühjahr 1989 war nichts klar.
Der Tian’anmen-Platz in China
hatte gerade erst gezeigt,
wie dünn der Faden sein kann,
an dem Freiheit hängt.
Der Geschäftspartner hatte recht mit seiner Sorge.

Der Beamte im Aufnahmelager
konnte es nicht fassen:
Ein DDR-Bürger,
der nur den Pass will,
aber gar nicht hierbleiben.
„Sowas gibt’s nicht“,
meinte er sinngemäß.
Aber doch,
sowas gab es.

Denn etwas Großes bewegte sich
langsam, leise,
aber unaufhaltsam.

Und dann war da dieser Abend.

Man sitzt da,
sieht zu,
und versteht:
Das ist Geschichte.

Nicht irgendwas in den Schulbüchern,
nicht irgendein Jubiläum.
Nein – jetzt,
live,
mitten im Büro Sonnenstraße Arbeit eingestellt.

Ich wollte zur Grenze.
Unbedingt.
Irgendwohin,
wo man das wirklich spürt.
Nicht nur durch den Bildschirm.

Aber München war zu weit.
Der Moment war zu schnell.
Und irgendwie
war auch das Fernsehen
wie eine Art Grenzübergang.
Man konnte zusehen,
staunen,
ungläubig lachen,
weinen.

Für uns,
die wir im Kalten Krieg groß wurden,
war die Mauer so unüberwindbar
wie der Horizont.
Etwas, das einfach da war.
Etwas, das nie fallen konnte.
Und dann –
fiel sie.

Ganz ohne Schüsse.
Ohne Panzer.
Ohne Befehl.
Einfach so.

Und so saß ich da,
mit meinem Vater,
vor dem Fernseher
in der Sonnenstraße 20
und dachte:

Es ist tatsächlich passiert.

Und nichts
wird je wieder so sein
wie vorher.



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