Ob die Bundeswehr mich stabiler gemacht hat?
Ich weiß es nicht.
Aber während die 80er Jahre in meinem Lebenslauf
wie ein wilder Zirkus aus
28 Firmen daherkamen,
waren die 90er Jahre
ein Bild der Konstanz:
Zwei Firmen.
Zwei Stationen.
Zwei Inseln.
Und die erste davon
war eher eine Sandbank.
Nach der Entlassung aus dem Dienst
vermittelte mich das Arbeitsamt
zur Berufsgenossenschaft.
Ziel:
Zehnfingerblind schreiben lernen
und Phonodiktate tippen.
Ein Job, den es heute
nicht mal mehr auf LinkedIn gäbe.
Und ich war –
der einzige Mann
im Schreibdienst.
Das allein wäre noch kein Drama.
Aber es war ein Sterbezimmer der Motivation,
ein tristes Bürokratiegrab,
gefüllt mit Diktatbändern
und kafkaesken Aktenvorgängen.
Ich tippte.
Nur tippte.
Aber ich las eben auch,
was ich da tippte.
Ein Fußkranker,
dem man 40 Kilometer durch die Gegend schickte
für ein Gutachten,
damit er orthopädische Schuhe
im Wert von 40 D-Mark bekommen konnte.
Aber die Gutachten
kosten das Zehnfache.
Ein Irrsinn,
der sich nicht versteckte,
sondern mir täglich ins Gesicht grinste.
Oder der Streit
um Zentimeter:
War es noch ein Wegeunfall,
oder war der Schritt
auf den Gehsteig schon
Privatvergnügen?
Ich saß in der Mühle
zwischen Krankenkassen,
Gutachtern
und Juristen,
und meine Intelligenz
war mir dabei eher im Weg.
Ich merkte,
wenn ein Sachbearbeiter Mist gebaut hatte.
Wenn das Diktat nicht zum Akt passte.
Wenn Unlogisches
wie amtliches behandelt wurde.
Aber ich war eben
nur die Schreibkraft.
Nicht gefragt. Nicht befugt.
Und dann war da
noch der Geschlechteraspekt.
Wenn ein Tippfehler zurückkam,
wurde auf dem Flur geraunt:
„Das war bestimmt wieder der Mann.“
Ich war es oft nicht.
Aber das spielte keine Rolle.
Ich war der Fremdkörper
im Frauenteam,
also musste der Fehler
automatisch ich sein.
Aber ich lernte.
200 Anschläge die Minute.
Fehlerfrei.
Schnell.
Zuverlässig.
Denn ich wollte
diesen Spruch
„Das war bestimmt wieder der Mann“
nicht auf mir sitzen lassen.
Es war eine triste,
deprimierende Episode.
Aber auch eine
Lehrzeit:
Wie tickt Bürokratie?
Was richtet Misstrauen an?
Wie fühlt sich
strukturelle Abwertung an?
Heute ist das
nur eine Fußnote.
Aber sie hat
einige wichtige Zeilen
in mein Verständnis von Systemen
und Menschen
geschrieben.
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