Kieselsteine

  • Kapitel 24 – Der Kondom-Karton und der Skandal, der keiner war

    Man hielt mich oft für einen Studenten.
    Lag wohl an der Sprache. Am Auftreten. Am Wissen.
    Aber ich hatte nie Abitur.
    Nur Leben. Und Verstand.

    Damals war ich Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen im Landkreis Freising.
    Das war keine große Nummer, aber man war eben Teil vom Ganzen.
    Die Landesgeschäftsstelle der FDP Bayern war kein fremder Ort für mich. Ich ging dort ein und aus.
    Mitdenken, mitreden, mitorganisieren.

    Und dann: Der Karton.

    Ein ganzer Karton Kondome – mit Parteilogo.
    Kein Witz.
    HIV war das Thema der Zeit. Aufklärung. Prävention.
    Die Julis wollten sichtbar Verantwortung übernehmen.
    Also: Kondome mit Botschaft. Politisches Gummi.

    Ich nahm den Karton mit. Nach Hause.
    Dachte: Klar, das ist für unseren Kreis. Öffentlichkeitsarbeit halt.

    Was ich nicht wusste:
    Das war die Lieferung für ganz Bayern.
    Ich hatte versehentlich die zentrale Lagerstelle leergeräumt.

    Und dann passierte, was in der Politik oft passiert:
    Ein Versehen wird ein Skandal.

    Der Landesvorsitzende schlug Alarm.
    „Einbruch in die Geschäftsstelle!“
    „Die Kondome wurden gestohlen!“

    Die Presse roch Blut.
    Schlagzeile:
    „Kondom-Diebstahl bei den Julis – Einbruch in FDP-Zentrale?“

    Ich rief an. Sofort.
    „Die Dinger sind nicht gestohlen. Die sind bei mir. Alles ein Irrtum.“

    Die Antwort war eindeutig:
    „Halt die Klappe. Der Skandal läuft schon.“

    Willkommen in der Politik.
    Wahrheit verliert gegen Wirkung.
    Fakten gegen Schlagzeilen.

    Ich war kein Dieb.
    Ich war auch kein Student.
    Ich war einfach nur ein politisch engagierter junger Mann –
    mit einem Karton Kondome im falschen Ort zur falschen Zeit.

    Kein Verbrechen.
    Nur ein Fehler.
    Aber eben keiner, der noch zählte, wenn die Druckerpresse schon lief.




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  • Kapitel 23 – Kein Name, kein Netzwerk

    Ich war nie gut im Netzwerken. Vielleicht war ich zu direkt. Vielleicht zu ehrlich. Vielleicht schlicht zu ungeschickt.
    Der Parteitag in Starnberg – FDP – Leutheuser-Schnarrenberger brachte einen Antrag ein, der, sagen wir, nicht gut war.
    Ich hatte eine Gegenidee. Besser. Klarer. Aber sie kam zu spät.

    Ich trat ans Mikro, sagte meine Gedanken, zeigte, wie man es besser machen könnte – die Reaktion war:
    „Warum hast du das nicht früher gesagt?“

    Ich war halt jung. Dachte, es geht um Argumente.
    Nicht um Absprachen im Vorfeld, nicht um Strippenziehen.
    Ein dummer junger Liberaler eben.
    Einer, der das Spiel nicht kannte, aber glaubte, es spielen zu können.

    Dann war da diese Nacht in der Schellingstraße.
    Ein Rumäne hatte Material aus Jugoslawien rausgeschmuggelt.
    Bilder.
    Nicht einfach Bilder.
    Folter. Massenmord. Grausamkeit, die im Magen liegt wie ein Stein.
    Wir saßen in einer Landesgeschäftsstelle, diskutierten:
    Was tun?
    Zur Polizei? Zur Zeitung? Verschwinden lassen?

    Tele 5 war in derselben Straße.
    Wir gingen hin. Übergaben das Material.

    Ein Teil wurde gesendet.
    Nicht alles.
    Der grausamste Teil wurde nie öffentlich.

    Was blieb? Kein Name.
    Wieder kein Name.

    Weil ich mich nicht vordränge.
    Weil ich nicht die Ellbogen ausfahre.
    Weil ich dachte, es reicht, das Richtige zu tun.

    Aber Politik, Medien, Öffentlichkeit – das sind keine Orte, wo das Richtige automatisch das Sichtbare wird.

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  • Kapitel 22 – Volksbegehren – ein Sieg ohne Namen

    Ich schrieb einen Satz. Mehr war es nicht. Und doch war es alles.
    Ein kleiner Satz, der sich gegen den großen Satz „Das geht nicht!“ stellte.
    Damals, als die Studiengebühren in Bayern Gesetz werden sollten, formulierte ich ein einfaches Gesetz zur Änderung des Bayerischen Hochschulgesetzes:

    Art. 71 erhält folgende Fassung:
    „Die Hochschulen erheben von den Studierenden keine Studienbeiträge oder Verwaltungsgebühren.“

    Alle sagten, das sei nicht möglich. Zu einfach. Zu direkt.
    Vor allem: verfassungswidrig, weil es in den Landeshaushalt eingreife.
    Ich hielt dagegen.
    Das war keine Finanzentscheidung, sondern eine Änderung im Hochschulrecht. Die Finanzwirkung ist nur mittelbar. Also zulässig.

    Mein Volksbegehren scheiterte an der nötigen Zahl der Unterschriften.
    Die Freien Wähler waren schneller.
    Mit einem schlechteren Text, mit größerem Apparat, mit mehr Leuten.
    Sie kopierten die Idee, nicht den Gedanken.
    Aber sie kamen durch.

    Was bleibt?

    Das Bayerische Verfassungsgericht entschied:
    Mein juristischer Ansatz war richtig.
    Die Idee ging in die Entscheidung ein,
    wenn auch nicht mein Name.

    Später lief meine Domain und unsere Argumentation
    in das Volksbegehren der Freien Wähler mit ein.
    Keiner erinnerte sich mehr daran, woher das Ganze ursprünglich kam.
    Auch nicht an mich.

    Ich nenne es einen Sieg ohne Namen.
    Und vielleicht war es das auch.
    Aber: Es war ein Sieg.


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  • Kapitel 21: Vom Vulkan zur Politik


    Kieselstein: Vulkan, eine Jugendkulturzeitschrift

    X-Pickel die Schülerzeitung, im Jugenddorf in Baden-Württemberg der Vorgänger
    Ein Ort, ein Keller, ein Rudel junger Köpfe, die dachten, dass sie das Denken dürfen.
    Die Schülerzeitung war verboten.
    Also gründeten sie was eigenes –
    mit Hitze, Trotz und Papier:
    VULKAN.

    Ein Name wie ein Aufstand.
    Selbstverlegt.
    Gedruckt in in der nächstgelegenen Kreisstadt.
    Finanziert mit dem Scheck deines Vaters.
    Ein paradoxes Bild: der Revoluzzer mit väterlichem Rückenwind.

    Im Abraxas-Bücherladen dann die nüchterne Realität:
    Die Zeitungen weg.
    Das Geld? Auch.
    Kein Verkauf. Keine Erinnerung. Kein Erfolg.
    Willkommen im Verlagswesen.


    Kieselstein: Politik

    Du warst achtzehn
    schon auf den Listen.
    Gemeinderat Kranzberg, Bezirkstag für die FDP.
    Und obwohl die FDP nicht in den Landtag kam,
    bekamst du Briefe mit:
    „Sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter.“

    Ironie. Missverständnis.
    Oder das, was bleibt, wenn man als junger Mensch
    den Staub alter Institutionen aufwirbelt
    und keiner zuhört.

    Mit Petra Kelly diskutiert.
    Mit einem Justizminister als Onkel gestritten.
    Ein Minister, von dem böse Zungen sagten,
    er sei „dritte Wahl“.
    Und du, vielleicht fünfte Wahl – aber wenigstens echt.

    Dein Text beim BUND:
    eine Watschn für Strauß,
    verpackt als Argument.
    Ein Denkmal, das den richtigen Namen trägt:
    Schandmal Franz Josef.

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  • Kapitel 20: Der Körper zählt nicht

    Das Metall und Glasbauunternehmen.
    Fassaden aus Metall – glänzend, steril, exakt.
    Hinter jeder Platte:
    Blut, Schweiß, Aluminiumstaub.

    160 Stunden. Eine Woche.
    Fast ein halber Monat gequetscht in sieben Tagen.
    Schlafen im Container.
    Powernaps zwischen Schicht und Fahrt.
    Schleifen, schweißen, laden.
    Schleifen, schweißen, laden.

    Würzburg. Eching. Am Betriebsstandort.
    Immer unterwegs,
    im LKW mit Tobias,
    einer pennt, einer fährt.
    Keiner lebt.

    Einmal auf der Waage in Eching –
    acht Tonnen.
    Mit einem 7,5t-Führerschein.
    Fahren am Limit,
    arbeiten darüber hinaus.

    Es war nicht Mut.
    Nicht Dummheit.
    Es war: Liefern müssen.


    Was ich hier aufmache, ist ein Blick in das,
    was viele nie zu Gesicht bekommen:
    die völlige Selbstausbeutung,
    aus Loyalität, aus Pflicht,
    und vielleicht auch, weil man beweisen will:
    „Ich kann das. Ich zieh das durch.“

    Ob das gesund war?
    Vermutlich nicht.
    Aber es war echt.
    Und es hat mich geformt.



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  • Kapitel 19: Am Band

    In einem kleinen Ort in Oberbayern.
    Ein Metall- und Glasbauunternehmen.
    Fliessband.
    Tägliche Wiederholung,
    metallisches Rattern,
    Schweiß und Schmutz.
    Aber dann war da Ian.

    Ein Brite, Cockney bis in die Knochen.
    Ich verstand kein Wort.
    Er verstand kein Deutsch.
    Aber wir verstanden uns.

    Wir redeten über Platon,
    über den Tod,
    über das, was es bedeutet, Mensch zu sein –
    mit Händen, die gleichzeitig Werkstücke sortierten.

    Ich lernte Englisch,
    nicht aus Büchern,
    sondern aus Ians rauer Stimme,
    aus seinem Lachen,
    aus dem Ernst in seinen Augen.

    Sein Akzent ist bis heute in meinem Ohr,
    wenn ich Englisch spreche.
    Vielleicht auch ein bisschen in meiner Seele.



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  • Kapitel 18: Handbremse

    Der Einberufungsbefehl war da.
    Die Bundeswehr wartete.
    Ich nicht.

    Ich war am Tanken,
    bei einem der Laster des Familienunternehmens.
    Ein 7,5-Tonner –
    groß, träge,
    nur solange er stillsteht.

    Ich vergaß die Handbremse.
    Der Laster rollte.
    Und ich?
    Ich versuchte, ihn aufzuhalten.
    Mit meinem Körper.
    Mit blankem Willen.
    Mit Dummheit.

    Er schob meinen Arm
    zwischen sich
    und einen Kleintransporter.
    Es knackte.
    Ich spürte nichts –
    erst danach,
    als alles schon zu spät war.
    Der Arm gebrochen,
    der Stolz unversehrt.


    „Ich lege mich auch mit gebrochenem Arm
    in ein Bundeswehrkrankenhaus“,
    sagte ich trotzig,
    mit Gips und Überzeugung.

    Aber das Militär winkte ab.
    Kein Bedarf an gebrochenem Fleisch.

    Zurückgestellt.
    Nicht aus Überzeugung,
    sondern wegen
    eines versäumten Hebels
    und eines fatalen Reflexes.


    Es war nicht das erste Mal,
    dass ich mich für Verantwortung zerschliss,
    und nicht das letzte Mal,
    dass die Welt sagte:
    „Jetzt nicht.“

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  • Kapitel 17: Kreuzeckstraße

    Die Baustelle hatte ein Dach,
    aber kein Leben.
    Nur ein Zwischenraum
    zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht.

    Also zog ich weiter –
    zur Tante Sigrun
    nach Grünwald.
    Kreuzeckstraße.
    Grünwald, wo die Hecken höher waren
    als die Sorgen.

    Ich war plötzlich wieder untergebracht,
    nicht mehr zwischen Ziegeln,
    sondern unter einem gedeckten Tisch.


    Und dann:
    Schuhverkäuferlehre bei traditionsreichen Schuhaus in München,
    Dem „ältesten Schuhhaus der Welt“.
    Was auch immer das bedeutete.
    Tradition, Prestige, Patina.
    Alles, was mir fremd war,
    aber was ich tragen konnte wie einen Anzug.

    Ich lernte, wie man
    Pferdeleder auf Hochglanz bringt.
    Dass der Spiegel im Schaufenster
    nicht besser sein darf
    als der Glanz auf dem Schuh.
    Dass Dekoration in der Auslage
    niemals improvisiert aussieht,
    auch wenn sie es immer ist.


    Eines Tages stand er da:
    Walter Scheel.
    Der Ex-Bundespräsident.
    Fein, höflich, kontrolliert.
    Und ich –
    ein Lehrling mit Vergangenheit
    und ohne Zukunft –
    reichte ihm die Schuhe.

    Kein Händedruck,
    aber ein kurzer Blick.
    Und in seinem Blick
    lag für einen Moment
    so etwas wie
    Gleichgewicht.


    Ich war der Junge aus der Baustelle,
    der Obdachlose in der Disko,
    der Scheinsohn im 500 SL
    und jetzt:
    Schuhverkäufer in der feinen Auslage
    eines Traditionshauses,
    dessen Geschichte älter war
    als alle meine Brüche zusammen.

    Aber ich war da.
    Ich passte rein.
    Weil ich überall reinpasste.
    Weil ich gelernt hatte,
    dass Identität wechselbar ist
    wie Schuhe:
    Man muss nur wissen,
    wie man sie schnürt.



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  • Kapitel 16: Unter Putz, über Lack

    Ich kam nicht nach Hause zurück.
    Nicht zur Mutter.
    Nicht ins alte Kinderzimmer.
    Nicht zu den Geschwistern,
    die mich sowieso nicht verstanden.

    Aber ich hatte noch ein Netzwerk,
    so löchrig es war.
    Ein paar Kontakte.
    Ein Vater,
    der den Brief bekam.

    Und eine Baustelle in Freising.
    Mein neues Zuhause.
    Wände ohne Putz.
    Kein Strom. Kein Wasser.
    Aber ein Dach über dem Kopf.


    Arbeit hatte ich keine.
    Essen nur, wenn ich es mir organisierte.
    Was für manche „Diebstahl“ war,
    war für mich: Überleben.
    Bierkästen vom Pfandlager
    sind schnell geklaut
    und noch schneller zurückgegeben.


    Ich hatte nichts
    und trug trotzdem den Schein.
    Ich hing in umliegenden Dörfern in Diskos rum,
    und in Sabines Pub,
    und mit Thommy zogen wir durch die Nächte.
    Ich war jung genug,
    um als einer von ihnen zu gelten.
    Nicht als Obdachloser,
    nicht als Gestrandeter.
    Einfach nur ein Typ, der mitfeiert.

    Einmal schaffte ich es,
    einen Vollrausch mit 20 Pfennig zu bekommen.
    So sehr war ich Teil dieser Welt,
    dass niemand fragte,
    woher ich kam oder wohin ich ging.


    Der Kriminelle aus einer Ruhrgebietsstadt–
    der mich in den Puff schleifte –
    hat keinen Namen mehr.
    Vielleicht war er nur eine Figur
    in einem Kapitel,
    das sich selbst gelöscht hat.
    Ich hab ihn nicht vergessen,
    aber er hat keine Kontur mehr.


    Und dann gab es die andere Seite:
    die glitzernde.
    Wenn ich beim Essen mit saß,
    an Tischen mit Männern,
    die Quandt kannten
    und über Deals redeten,
    bei denen mein Monatsbedarf
    nur die Weinflasche kostete.

    Ich war der Sohn des Familienunternehmens.
    Vorzeigbar.
    Beredt.
    Nicht ausgebildet,
    aber mit dem richtigen Namen,
    dem richtigen Look,
    dem richtigen Lächeln.

    Schein ist mächtig.
    So wie der Mercedes 500 SL,
    den man nicht fährt,
    aber auf dem Parkplatz steht,
    wenn es darum geht,
    was man darstellt
    nicht, was man ist.


    Das Leben zwischen Rohbau und Glanzlack,
    zwischen Pfandkisten und Puff,
    zwischen Disko und Familienessen,
    hat mich mehr über Gesellschaft gelehrt
    als jeder Philosophieband.

    Denn ich habe beide Seiten gesehen.
    Von ganz unten und ein Stück nach oben.
    Und manchmal lag nur ein Kieselstein dazwischen.



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  • Kapitel 15: Der Brief aus dem Speicher

    Ich war zurück in München.
    Nicht zu Hause –
    aber zurück in der Stadt, in der ich geboren wurde.

    Ich war zwischen Frankreich und Freising gestrandet,
    hatte die Sahara nicht erreicht
    und das Leben hatte mich auf Umwegen wieder
    an den Anfang geworfen.


    Obdachlos. Stolz. Zerrissen.
    Ich hatte keine Adresse,
    keinen Plan,
    aber einen Vater –
    und eine Wut.

    Vielleicht war es keine Wut.
    Vielleicht war es Verzweiflung,
    vermischt mit Hoffnung,
    die so tief im Stolz vergraben war,
    dass sie sich nicht als Bitte äußern konnte.

    Also brach ich in sein Büro ein.


    Das ist keine Metapher.
    Ich stieg tatsächlich ein.
    In das Büro meines eigenen Vaters.

    Ich setzte mich an die Schreibmaschine
    seiner Sekretärin
    eine dieser frühen, intelligenten Maschinen
    mit Datenspeicher.

    Ich schrieb ihm einen Brief.
    Nicht mit Tinte, nicht mit der Hand,
    sondern getippt, mechanisch,
    maschinell – aber mit Herzblut.
    Vielleicht mein stummes „Sieh mich“,
    mein verzweifeltes „Ich bin noch da“.

    Ich hinterließ den Brief
    auf seinem Schreibtisch.

    Ich dachte, er würde ihn finden,
    wenn er am Morgen sein Büro betritt.


    Aber ich hatte die Rechnung ohne die Intuition der Sekretärin gemacht.

    Sie kam früher.
    Und sie merkte es.
    Eine Einstellung war verstellt.
    Eine Kleinigkeit nur –
    aber sie wusste:
    Jemand war an ihrer Maschine.

    Sie durchsuchte den Datenspeicher.
    Druckte den Brief aus.
    Gab ihn meinem Vater,
    noch bevor er das Büro betrat.


    Ich weiß nicht mehr, was ich geschrieben habe.
    Vielleicht weiß er es noch.
    Vielleicht hat er es vergessen.

    Aber ich erinnere mich an das Gefühl:
    Ich war zu stolz, um um Hilfe zu bitten.
    Doch nicht stolz genug,
    um gar nichts zu sagen.


    So funktioniert Erinnerung bei mir:
    Ein Kieselstein wird geworfen,
    trifft etwas Altes,
    löst etwas Neues aus.
    Ein vergessenes Detail,
    ein Geruch,
    eine Bewegung.
    Und plötzlich sehe ich mich selbst
    an der Schreibmaschine –
    in einem Büro, das mir nicht gehörte,
    bei einem Vater,
    dessen Anerkennung ich mir nie verdienen konnte.

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