Contents
- 1 1. Inklusive Systementwicklung (Inclusive Systems Development)
- 2 2. Adaptives Diversitätsmanagement
- 3 3. Wertorientierte Systementwicklung (Value-based Engineering)
- 4 4. Systemische Verantwortung (Systemic Responsibility)
- 5 5. Accountability Systems Design
- 6 6. Prosocial Behavioral Engineering
- 7 Zusammenfassung: Die Verbindung der sechs Konzepte
1. Inklusive Systementwicklung (Inclusive Systems Development)
Was ist das?
Inklusive Systementwicklung geht davon aus, dass Technologie und digitale Systeme von Anfang an so gestaltet werden müssen, dass sie für die größtmögliche Bandbreite an Menschen nutzbar sind – nicht als nachträglicher Zusatz, sondern als Kernprinzip des Designs. Inklusive Gestaltung umfasst Methodologien, die Produkte versteh- und nutzbar machen für Menschen aller Hintergründe und Fähigkeiten – darunter Barrierefreiheit, Alter, wirtschaftliche Situation, geografischer Standort, Sprache und Herkunft. Nielsen Norman Group
Ein wichtiger Unterschied: Universelles Design zielt darauf ab, eine einzige Lösung zu schaffen, die so weit wie möglich von allen genutzt werden kann. Inklusive Gestaltung hingegen akzeptiert und begrüßt mehrere Design-Varianten, solange diese das gewünschte Ergebnis erreichen. Nielsen Norman Group
Das Inclusive Design Research Centre (IDRC) der OCAD University in Toronto hat drei Kerndimensionen formuliert: Erstens die menschliche Einzigartigkeit und Variabilität anerkennen, respektieren und mit ihr gestalten. Zweitens offene, transparente Prozesse nutzen und gemeinsam mit Menschen gestalten, die eine Vielfalt von Perspektiven repräsentieren. Drittens anerkennen, dass man in einem komplexen adaptiven System gestaltet, in dem Designänderungen größere Systeme beeinflussen. Wikipedia
Forschungsarbeiten:
- Persson et al. (2015) im Journal Universal Access in the Information Society (Springer): Eine grundlegende Studie, die unterschiedliche Zugänglichkeitskonzepte historisch, methodologisch und philosophisch untersucht.
- Microsoft Inclusive Design Toolkit: Prägt die Praxis „Solve for one, extend to many“ – Lösungen für Menschen mit Behinderungen helfen letztlich allen.
- Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) der W3C: Das wichtigste internationale Regelwerk für digitale Barrierefreiheit.
- Center for Universal Design (NC State University): Entwickelte 1997 die 7 Prinzipien des Universellen Designs unter Ron Mace.
2. Adaptives Diversitätsmanagement
Was ist das?
Dieses Konzept beschreibt die Gestaltung von Systemen, die sich flexibel an die natürliche Vielfalt der Nutzer anpassen – an unterschiedliche Sprachen, Wissenstände, kulturelle Kontexte und Erfahrungen. Statt starr zu sein, lernen und adaptieren sich diese Systeme.
Während universelles Design eine gemeinsame Lösung für alle anstrebt, haben wir im digitalen Bereich die Freiheit, ein Designsystem zu schaffen, das sich anpassen, morphen oder dehnen kann, um den individuellen Bedarf jeder einzelnen Person zu adressieren. Die digitalen Designbeschränkungen sind grundlegend anders als in der physischen Welt. Ocadu
Optimales inklusives Design erreicht man am besten durch „one-size-fits-one“-Konfigurationen. Flexible oder anpassungsfähige Systeme wie digitale Systeme sind am besten dafür geeignet, aber auch 3D-Drucker und komponentenbasierte Architekturen können diversitätsunterstützendes Design ermöglichen. Ocadu
Forschungsarbeiten:
- Universelles Design für Lernen (UDL) – entwickelt vom Center for Applied Special Technology (CAST): Drei Kernprinzipien sind vielfältige Repräsentation, vielfältige Aktionen und Ausdrucksformen sowie vielfältiges Engagement. PubMed Central Eines der einflussreichsten Modelle für adaptive Lernumgebungen.
- User Sensitive Inclusive Design – Vorgeschlagen von Shneiderman und anderen Forschern: Ein Paradigma, das Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten in den Designprozess einschließt.
- Forschung zum VERITAS-Plattformprojekt (EU-gefördert): Eine intuitive Lösung für barrierefreies Design, die sicherstellt, dass IKT-Produkte wirklich für alle gestaltet werden. Academia.edu
3. Wertorientierte Systementwicklung (Value-based Engineering)
Was ist das?
Dies ist vielleicht das am stärksten institutionalisierte der sechs Konzepte – es hat einen eigenen internationalen Standard erhalten.
Value-based Engineering (VbE) ist eine Methodik, die Wege bietet, um Endnutzerwerte im Systemdesign zu erheben, zu konzeptualisieren, zu priorisieren und zu respektieren. Es steht im Herzen des IEEE 7000-2021 Standards und bietet Unternehmen einen hochpraktischen Ansatz, die wertebasierten Herausforderungen ihrer digitalen Transformation zu meistern. IEEE
IEEE 7000 behandelt ethische Werte – Fairness, Transparenz, Privatsphäre, Autonomie, Menschenwürde – als erstrangige technische Anforderungen, nicht als nachträgliche Überlegungen. Es definiert Prozesse für Werteerhebung, Wertepriorisierung und ethische Risikobewertung. arc42 Quality Model
Um den Dialog zwischen Technologie und Philosophie zu erleichtern, führt der Standard eine neue Profession ein: den „Value Lead“. Vergleichbar mit einer Product Manager-Rolle, ist ein Value Lead sowohl in Anforderungsengineering als auch in Ethik und Wertetheorien ausgebildet. 21strategies
Ein besonders interessanter Aspekt: Die Stadt Wien kündigte im Oktober 2024 an, Value-based Engineering innerhalb der Stadtverwaltung zur Verbesserung des Webportals mein.wien einzusetzen. Wikipedia
Forschungsarbeiten:
- Sarah Spiekermann (WU Wien): Die zentrale Wissenschaftlerin auf diesem Gebiet. Sie hat den Standard philosophisch in der materialen Wertethik von Max Scheler verankert. Value-based Engineering baut auf zwei Jahrzehnten angewandter Forschung im Bereich Value Sensitive Design auf. WU Vienna
- Spiekermann & Winkler (2022), arXiv 2207.07599: VBE ist eine transparente, klar strukturierte, schrittweise Methodik, die Innovationsmanagement, Risikomanagement sowie System- und Softwareengineering in einem Prozessrahmen vereint. arXiv
- IEEE 7000-2021 / ISO/IEC/IEEE 24748-7000:2022: Der Standard selbst, 2021 veröffentlicht und 2022 international normiert.
4. Systemische Verantwortung (Systemic Responsibility)
Was ist das?
Systemische Verantwortung verschiebt den Fokus von individueller Schuld hin zur Verantwortung für die Gestaltung von Systemen selbst. Es geht nicht darum, wer einen Fehler gemacht hat, sondern wie Regeln und Strukturen so gestaltet werden können, dass schädliche Ergebnisse strukturell vermieden werden.
Systemische Designer sollten Prinzipien ethischer Praxis integrieren, da neue technologische Affordanzen, die Risiken verstärken, zunehmend das soziale und wirtschaftliche Leben beeinflussen. Um gewollte und ungewollte Emergenzeffekte in komplexen techno-sozialen Systemen hervorzuheben, wird ein Schema mit drei Aktivitätsebenen eingeführt: regulieren, bauen und nutzen. RSD
Erste Fallstudien zeigen, dass das Folgen des IEEE 7000 das Potenzial hat, die Narrative von Technologieunternehmen tiefgreifend zu verändern – von rein profitorientierten Motiven hin zu Motiven des öffentlichen Interesses, sozialer Nachhaltigkeit und des Wohlbefindens. Academia.edu
Forschungsarbeiten:
- Responsible AI Systems (RAIS) Framework (2026, arXiv 2503.04739): Proposes a comprehensive framework integrating five key dimensions: domain definition, trustworthy AI design, auditability, accountability, and governance. arXiv
- Systemische Designforschung der Systemic Design Association (RSD Symposium): Jährliche Konferenz, die Fragen systemischer Verantwortung im Design behandelt.
- Die Tradition des „Design Justice“-Konzepts von Sasha Costanza-Chock: Gestalten auf Basis historischer Ungleichheiten.
5. Accountability Systems Design
Was ist das?
Accountability muss von Beginn an in KI-Systemen eingebaut werden – Verantwortung kann nicht nachträglich hinzugefügt werden. Eine Kernerkenntnis ist, dass Accountability in KI auf das gesamte Ökosystem verteilt werden muss: Entwickler tragen Verantwortung für Designentscheidungen und Datenqualität. Deployer tragen Verantwortung für die kontextspezifische Implementierung. Nutzer müssen Systeme verantwortungsvoll einsetzen, und Regulatoren müssen ergebnisorientierte Standards setzen. Siasat Daily
Accountability ist eine attraktive Alternative, die auf nachträglichen Kontrollen basiert, um sicherzustellen, dass ein System die Regeln eingehalten hat. Accountability in diesem Sinne sollte nicht als selbstverständlich betrachtet werden, sondern das Ergebnis eines bewussten „Accountability by Design“-Ansatzes sein, der Accountability-Beziehungen zu Verantwortung und Haftung klärt. ResearchGate
Forschungsarbeiten:
- Schönherr et al. (2021), Sustainability Accounting, Management and Policy Journal: Untersucht, inwiefern CSR-Standards auf Accountability ausgelegt sind – über Prinzipien-, Berichts-, Zertifizierungs- und Prozessstandards hinweg. IDEAS/RePEc
- GDPR Accountability by Design (Datenrecht & Technik): Forscher wie Caspar, Drozd und Leenes haben „Accountability by Design“ als Prinzip für Datenschutzsysteme entwickelt.
- Algorithmische Rechenschaftspflicht („Algorithmic Accountability“): Ein wachsendes Forschungsfeld, u.a. an der Oxford Internet Institute und dem AI Now Institute (NYU).
Was ist das?
Prosoziales Verhalten tritt auf, wenn Menschen und Agenten kostspielige Handlungen durchführen, die anderen zugute kommen – freiwillige Hilfe, Spenden, Informationsweitergabe oder das Teilen von Ressourcen sind allesamt Formen prosozialen Verhaltens. Menschen sind von Natur aus prosozial, und Eigenschaften wie Altruismus oder Empathie, die Entscheidungsfindung und Kooperation beeinflussen, sind wesentliche Bestandteile gerechterer Gesellschaften. Acm
Die Herausforderung, menschliche Kooperation zu verstehen, ist heute verknüpft mit der Herausforderung, künstliche Agenten und Algorithmen zu entwerfen, die prosoziale Interaktionen online und offline fördern. Fünf Schlüsseldomänen umfassen Reputationssysteme, Empfehlungssysteme, hybride Systeme, Klassifikationssysteme und urbane Systeme. Fp-santos
Forschungen zeigen, dass das Delegieren an programmierbare autonome Maschinen die Art und Weise verändert, wie Teilnehmer soziale Dilemmas angehen, und die Bewertung langfristiger Konsequenzen von Entscheidungen fördert. In diesem Sinne fungiert Delegation an autonome Agenten als Bindungsmechanismus, der langfristiges prosoziales Verhalten motiviert. Nature
Forschungsarbeiten:
- Santos et al. (2024), AI Magazine (Wiley): Agenten können so konzipiert werden, dass eine kleine Fraktion langanhaltende prosoziale Verhaltensweisen auslösen kann. Wiley Online Library
- Ana Paiva (Instituto Superior Técnico, Lissabon): Pionierforschung zur Schaffung „prosozialer Maschinen“ – mit Fallstudien in prosozialer Robotik, prosozialen Spielen und sozialen Simulationen.
- Sreedhar et al. (2025), arXiv 2502.12504: Multi-Agenten-LLM-Systeme replizieren Erkenntnisse aus Laborstudien zu menschlichem kooperativem Verhalten – Priming, Transparenz und variierende Ausstattungen. arXiv
- Fernando P. Santos (Prosocial Dynamics Lab, SIAS): Grundlegende Forschung zu Reputations- und Empfehlungssystemen unter Kooperationsgesichtspunkten.
Zusammenfassung: Die Verbindung der sechs Konzepte
Diese sechs Konzepte bilden zusammen eine Art „Architektur der humanen Technologie“:
| Konzept | Fragt: |
|---|---|
| Inklusive Systementwicklung | Wer wird eingeschlossen? |
| Adaptives Diversitätsmanagement | Wie passt sich das System an? |
| Wertorientierte Systementwicklung | Welche Werte werden eingebaut? |
| Systemische Verantwortung | Wer trägt Verantwortung für das System? |
| Accountability Systems Design | Wie wird Verantwortung nachverfolgbar gemacht? |
| Prosocial Behavioral Engineering | Wie fördert das System gutes Miteinander? |