Klassische Wertlehren: Aristoteles, Smith, Ricardo, Marx
Die ökonomische Diskussion über Wert beginnt in der Antike und entwickelt sich über die klassische Nationalökonomie bis hin zu Marx. Obwohl die Begriffe und Methoden variieren, zeigt sich ein wiederkehrendes Prinzip: Wert entsteht relational und gesellschaftlich vermittelt, oft durch Abgrenzung und Setzung.
Aristoteles: Gebrauchswert versus Tauschwert
Aristoteles (384–322 v. Chr.) unterscheidet zwischen dem Gebrauchswert eines Gutes (sein Nutzen im konkreten Gebrauch) und seinem Tauschwert (sein Wert im Austauschverhältnis).1 Wert entsteht also nicht absolut, sondern durch das Verhältnis eines Gutes zu anderen Gütern und zu menschlichen Bedürfnissen. Damit ist bereits ein relationales Verständnis von Wert angelegt: Etwas ist wertvoll, weil es sich von anderen Dingen unterscheidet und eine bestimmte Funktion erfüllt.
Adam Smith: Arbeitswert und gesellschaftliche Vermittlung
Adam Smith (1723–1790) entwickelt die Idee, dass Wert im Wesentlichen durch Arbeit bestimmt wird, die in eine Ware investiert wird.2 Im Wohlstand der Nationen zeigt er, dass der Preis eines Gutes die gesellschaftlich erforderliche Arbeit widerspiegelt. Wert entsteht hier aus der interpersonellen Relation: nicht das Gut an sich ist wertvoll, sondern das Verhältnis von Arbeitsaufwand, Nutzen und Tauschmöglichkeit im gesellschaftlichen Kontext.
David Ricardo: Arbeitswert und Austausch
David Ricardo (1772–1823) präzisiert diese Arbeitswerttheorie und betont die Rolle der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit als Maß für Wert.3 Wert wird damit nicht individuell, sondern historisch und gesellschaftlich vermittelt: Was wertvoll ist, hängt davon ab, wie viel gesellschaftlich anerkannte Arbeit notwendig ist, um es herzustellen. Auch hier wird Wert relational verstanden – er existiert erst im Austausch und im Vergleich zu anderen Waren.
Karl Marx: Wert als gesellschaftliche Form
Karl Marx (1818–1883) verschiebt den Fokus radikal: In der Kritik der politischen Ökonomie bezeichnet Wert das gesellschaftlich notwendige Quantum an Arbeit, das in einer Ware steckt. Wert ist keine normative Größe (gut oder schlecht), sondern eine soziale Kategorie, die die Struktur kapitalistischer Produktionsverhältnisse beschreibt.4 Marx zeigt, dass der Tauschwert von Waren den Fetischcharakter der Ware annimmt: Wert erscheint als Eigenschaft der Dinge, obwohl er historisch und sozial vermittelt ist.
Die klassischen Ökonomen demonstrieren, dass Wert immer relational ist:
- Aristoteles: Differenz von Gebrauch und Austausch.
- Smith & Ricardo: Differenz zwischen individueller und gesellschaftlich notwendiger Arbeit.
- Marx: Historisch und sozial vermittelte Relation von Arbeit, Gesellschaft und Tauschwert.
Auch wenn Marx den normativen Gehalt klassischer Wertethik ausklammert, bleibt die Grundstruktur erhalten: Wert existiert nur im Verhältnis, wird gesetzt und ist in gesellschaftliche Strukturen eingebettet.
1Aristoteles: Politik (bes. Buch I, Kap. 8–10: Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert).
2Adam Smith: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776), Buch I, Kap. 4–6 (Unterscheidung Gebrauchswert/Tauschwert).
3David Ricardo: On the Principles of Political Economy and Taxation (1817), Kap. 1 („On Value“).
4Karl Marx: Das Kapital, Band I (1867), Kap. 1–3 (Wertformanalyse, Arbeitswerttheorie)
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