Ich glaube, mein Leben ist wie eine Hosentasche voller Kiesel. Manche glatt, manche scharf, manche so klein, dass ich sie zwischen den Fingern verliere – andere so schwer, dass ich sie nie loswerde.
Einer dieser Steine trägt einen Namen: Stefan Metzler.
Ende der 70er-Jahre. Ich war im Internat, einem Jugenddorf in Baden-Württemberg. Ein Ort zwischen Erziehung, Verwahrung und Hoffnung. Stefan war einer von uns. Und irgendwann war er weg. Nicht einfach verschwunden. Sondern gegangen. Erhängt. Im Wald.
Wir haben ihn gesucht. Schüler, Erzieher, Lehrer. Wir haben ihn gefunden. Und ich, weil ich damals schon Sanitäter war, habe den Rettungswagen durch den Wald gelotst. Dorthin, wo das Leben aufgehört hatte.
Ich erinnere mich an einen Lehrer, der sagte: „Holt den da endlich runter.“
Ein Satz wie ein Vorschlaghammer. Nicht aus Grausamkeit gesagt, sondern aus Hilflosigkeit. Aber trotzdem: Er traf mich wie eine Kältewelle, die seitdem nie ganz verschwunden ist.
Ich habe viele Dinge erlebt, gesehen, verdrängt. Ich war in Tankstellen eingebrochen, ohne zu stehlen. Ich habe Demos mit Zehntausenden organisiert. Ich habe mit Politikern gesprochen, die im Sterben lagen. Aber dieser Moment – im Wald, mit Stefan, mit dem Lehrer, mit dem Wagen – der ist nicht vergessen. Der Stein bleibt in der Tasche.
Ich habe nie in Parteistrukturen gepasst, weder bei den Jungen Liberalen, noch bei den Piraten, noch beim Bündnis Grundeinkommen. Ich war immer da, wo Inhalt war – nicht, wo Posten waren. Aber manchmal brauchst du jemanden, der deinen Level versteht. Nicht wegen Status. Sondern weil du sonst allein bist mit einem Problem, das niemand begreifen kann, der noch nie Verantwortung gespürt hat.
So kam es, dass ich Jimmy Schulz anrief. FDP. Bundestag. Digitalpolitiker. Einer, der wirklich was verstand von Netzpolitik, Bürgerrechten, Freiheit. Ich war plötzlich stellvertretender Bundesvorsitzender beim Bündnis Grundeinkommen – ein Amt, das ich nie gesucht hatte, das mich aber gefunden hatte. Und ich hatte ein Problem. Eines, das zu groß war, um es mit den üblichen Telefonkonferenzen zu besprechen.
Ich wollte Rat. Austausch auf Augenhöhe. Kein Ratschlag, keine PR-Floskel. Und dann kam seine Antwort. Keine politische. Eine menschliche: „Ich kann gerade nicht. Ich hab Bauchspeicheldrüsenkrebs. Frisch diagnostiziert. Ich muss das erst mal verdauen.“
Es war ein Schock. Ich fühlte mich wie jemand, der bei einem Verunglückten um Hilfe ruft. Aber er war nicht genervt. Er war offen. Klar. Und in dem Moment wurde mir bewusst: Wir sind alle Menschen. Mit Tumoren. Mit Sorgen. Mit Zusammenbrüchen. Auch wenn auf der Website „Bundesvorstand FDP“ steht.
Monate später rief er mich an. Schwer gezeichnet, aber mit klarem Kopf. Er wollte etwas für mich tun. „Ich lade Twitter vor den ADA“, sagte er. Die #twittersperrt-Debatte – Zensur durch Plattformen, automatisierte Sperren, Sprachfreiheit im Netz – das war auch mein Thema. Seine Geste war mehr als politisch. Es war Dank. Es war Abschied. Es war Anerkennung.
Ich werde diesen Moment nie vergessen. Nicht, weil ein Bundestagsabgeordneter mir half. Sondern weil ein sterbender Mensch einem lebenden Menschen etwas zurückgab.
Wir sind alle Menschen. Und manchmal braucht es eine Krankheit, um das wieder zu merken.
von Arnold Schiller (oder: jemand, den niemand googeln kann)
Ich habe kein chronologisches Leben. Ich habe ein Leben wie ein Haufen Kiesel in einer Hosentasche. Manche glatt, manche scharfkantig, manche vergessen – bis man wieder hineingreift und sich sticht. Was ich hier aufschreibe, ist keine Beichte und kein Bewerbungsschreiben. Es ist Erinnerung, Stückwerk, vielleicht irgendwann ein Puzzle.
1981. Gasthof. München. 15 Jahre alt.
Ich war noch zu jung. Laut Satzung der Jungen Liberalen hätte ich gar nicht mitgründen dürfen. Ab 16. Aber ich war da, stellte den Einspruch – und seither dürfen 15-Jährige rein. Kein Mensch weiß das mehr. Aber ich. Ein Mann, der später als Staatssekretär Karriere machte, war ebenfalls anwesend. Ich blieb kein Parteikarrierist. Ich blieb ich.
Berufe wie Leiharbeiter der Realität
Ich war Rettungssanitäter. Zimmerer. Teppichverkäufer. Backwarenverkäufer. Schuhverkäufer. Versicherungsvertreter. Metallarbeiter. Kassierer. IT-Support. Lithograph. Baumarktverkäufer. Callcenteragent, bevor man das so nannte. Mit 19 baute ich ein Schwimmbad. Einfach so. Ich hatte nicht mal das Wort für das, was ich tue. Ich tat es einfach.
Wahlkämpfer ohne Mandat
Ich war Landtagskandidat. Bezirkstagskandidat. Bundestagskandidat. FDP. Dann Piraten. Immer mit eigenen Ideen, zu früh oder zu unbequem. 2,5 %. Mehr war nicht drin. Dafür hatte ich Programme, Gesetzesvorschläge, Inhalte. Nur keine Lobby.
Demoorganisator mit Fußschweiß
20.000. 40.000 Menschen. „Save your Internet“. Ich stand am Megaphon, während andere später die Schlagzeilen bekamen. Ich war eingeladen zum Zündfunk Netzkongress. Ich durfte sagen, was viele dachten. Aber nicht, was alle hören wollten. Was bleibt, ist mein Facebook-Admin-Zugang zur Seite, die heute noch unter meiner Fuchtel steht.
Die Kratzer
Einmal brach ich in eine Tankstelle ein. Verführt von einem Kriminellen aus Hamm. Ich klaute nichts. Lief weg, als die Alarmanlage losging. Aber ja, ich war drin. Erfolgreicher war ich mit Bierkästen aus dem Pfandlager. Geklaut, Pfand kassiert. Ich war jung. Ich war arm. Ich war wütend. Heute ist alles verjährt. Ich nicht.
Schatten des Sichtbaren
Ich war Geschäftsstellenleiter der Piraten – aber das findet niemand. Ich war der, der beim Volksbegehren gegen Studiengebühren mit den Listen durch München lief – aber die Freien Wähler standen in der Presse. Ich war überall. Und nirgends. Ich bin der, von dem keiner weiß, dass er dabei war.
Warum ich das erzähle?
Weil die meisten Leute Helden erwarten oder Schurken. Ich bin keins von beidem. Ich bin jemand, der gelebt hat. Der mehr erlebt hat, als sich je ordnen lässt. Und das reicht mir.