Von Neumann/Morgenstern: Wert als erwarteter Nutzen
Mit der Theory of Games and Economic Behavior (1944)1 begründeten John von Neumann und Oskar Morgenstern die moderne Spieltheorie. Sie stellten die These auf, dass man individuelles Verhalten in strategischen Situationen mathematisch modellieren könne. Der zentrale Begriff ist der erwartete Nutzen: Menschen wählen jene Handlungsoption, die ihnen den höchsten erwarteten Wert bringt, unter Berücksichtigung der Entscheidungen anderer.
Damit wird Wert zu einer mathematischen Funktion: Er ist nicht mehr nur subjektiv empfunden oder gesellschaftlich vermittelt, sondern lässt sich in Formeln ausdrücken – als Nutzenfunktion, die den Präferenzen eines Akteurs entspricht.2
Rational Choice Theory: Wert als Kalkül
Gary S. Becker und andere erweiterten diesen Ansatz zur Rational Choice Theory3: Alle sozialen Phänomene – von Kriminalität über Familie bis hin zu Politik – lassen sich auf rationale Nutzenkalküle zurückführen. Werte erscheinen hier als messbare Präferenzen, die Individuen gegeneinander abwägen. „Wertvoll“ ist, was in einer bestimmten Entscheidungssituation den höchsten Nutzen verspricht.
Grenzen: Das Messproblem
Doch gerade hier zeigt sich die Schwäche:
- Von Neumann/Morgenstern selbst betonten, dass man zwar mathematisch korrekt Nutzenfunktionen formulieren kann, dass aber das Messen von Präferenzen fundamental unsicher bleibt.
- Menschen handeln oft nicht rational im Sinne der Theorie (siehe Behavioral Economics).
- Viele Werte lassen sich nicht in Nutzenfunktionen übersetzen (Menschenwürde, Gerechtigkeit, Liebe).
Die Spieltheorie zeigt also: Wir können Wert als Strategie modellieren, aber nicht in seiner ganzen Tiefe messen.4
Spieltheorie und Rational Choice erweitern den ökonomischen Wertbegriff, indem sie ihn formal und mathematisch operationalisierbar machen. Doch sie bestätigen letztlich jedoch:
- Wert bleibt relational (strategisch im Verhältnis zu anderen Spielern).
- Wert bleibt gesetzt (Nutzenfunktionen sind Modellannahmen, keine Naturgesetze).
- Gefährliche Setzungen entstehen, wenn man das Modell mit der Realität verwechselt und glaubt, man könne Werte tatsächlich lückenlos berechnen.
Damit ist die Spieltheorie ein wichtiger Zwischenschritt: Sie zeigt die Faszination und die Grenzen mathematischer Wertmessung – und bereitet den Boden für die Kritik der Behavioral Economics und die neueren Debatten um Unternehmensethik und CSR.
1John von Neumann / Oskar Morgenstern: Theory of Games and Economic Behavior (1944)
2Kenneth J. Arrow: Social Choice and Individual Values (1951) – zentral für das Messproblem kollektiver Präferenzen.
3Gary S. Becker: The Economic Approach to Human Behavior (1976) – Ausweitung des Rational-Choice-Ansatzes auf nicht-ökonomische Bereiche.
4James S. Coleman: Foundations of Social Theory (1990) – klassische Anwendung von Rational Choice in Soziologie.
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