Marcel Fratzscher: Werte im Spannungsfeld von Teilhabe und Ungleichheit
Der deutsche Ökonom Marcel Fratzscher (*1969), Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), betont in seinen Schriften1, dass ökonomische Fragen stets auch Wertfragen sind. Werte wie Chancengleichheit, Gerechtigkeit und Teilhabe sind für ihn nicht selbstverständlich, sondern werden durch politische Institutionen und wirtschaftliche Strukturen gesetzt und verhandelt.
Fratzscher zeigt, dass Werte im ökonomischen Diskurs relational funktionieren: „Leistungsgerechtigkeit“ etwa erhält nur Sinn in Abgrenzung zu empfundenen Ungerechtigkeiten, etwa im Steuer- oder Bildungssystem. Zugleich warnt er vor gefährlichen Setzungen – etwa dann, wenn politische Eliten Ungleichheit durch die rhetorische Berufung auf „Leistung“ rechtfertigen. Für Fratzscher sind Werte zwar Axiome im Sinne grundlegender Orientierungen, doch sie müssen empirisch überprüfbar und gesellschaftlich legitimierbar bleiben.2
Thomas Piketty: Gleichheit als historisches Wertaxiom
Der französische Ökonom Thomas Piketty (*1971) hat mit Capital in the Twenty-First Century (2013)3 die Debatte um ökonomische Werte wie Gleichheit und Gerechtigkeit neu entfacht. Seine empirische Analyse der Vermögens- und Einkommensverteilung zeigt, dass ökonomische Systeme nie wertneutral sind: Sie spiegeln stets normative Setzungen wider, etwa in Steuerpolitik oder Eigentumsordnung.
Für Piketty ist Gleichheit kein „natürliches“ Prinzip, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung, die historisch immer wieder neu ausgehandelt wird. Seine Arbeiten unterstreichen, dass Werte wie soziale Gerechtigkeit Axiome der Demokratie sind – aber zugleich politisch umkämpft und gefährdet durch wachsende Ungleichheit.
Amartya Sen: Werte als Freiheit und Fähigkeiten
Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen (*1933) verschiebt den Fokus vom Einkommen auf die Freiheiten des Menschen. In seinem Capability Approach4 (entwickelt seit den 1980er Jahren, systematisch in Development as Freedom, 1999) definiert er „Wert“ nicht allein als ökonomisches Gut oder Nutzen, sondern als Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Damit verbindet Sen ökonomische mit ethischen Kategorien: Ein Gesellschaftssystem ist nicht wertvoll, weil es maximalen Wohlstand produziert, sondern weil es den Menschen die Freiheit eröffnet, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Werte erscheinen hier als Axiome menschlicher Entwicklung, die sich nicht auf Märkte oder Nutzenfunktionen reduzieren lassen.5
Joseph Stiglitz: Fairness als Bedingung für Wohlstand
Der US-amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz (*1943) betont in The Price of Inequality (2012)6, dass extreme Ungleichheit nicht nur moralisch problematisch ist, sondern auch ökonomisch dysfunktional. Werte wie Fairness, Transparenz und Teilhabe sind für ihn nicht bloß normative Ideale, sondern funktionale Voraussetzungen für nachhaltigen Wohlstand.
Stiglitz zeigt, dass gefährliche Setzungen entstehen, wenn Märkte und Institutionen im Sinne privilegierter Gruppen gestaltet werden. Damit geraten nicht nur Gerechtigkeitswerte in Gefahr, sondern auch die Stabilität des ökonomischen Systems selbst.7
1Marcel Fratzscher, Die Deutschland-Illusion: Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen (München: Hanser, 2014)
2Marcel Fratzscher, Verteilungskampf: Warum Deutschland immer ungleicher wird (München: Hanser, 2016).
3Thomas Piketty, Capital in the Twenty-First Century (Cambridge, MA: Harvard University Press, 2013)
4Amartya Sen, Development as Freedom (New York: Knopf, 1999).
5Amartya Sen, Commodities and Capabilities (Oxford: Oxford University Press, 1985).
6Joseph E. Stiglitz, The Price of Inequality: How Today’s Divided Society Endangers Our Future (New York: W.W. Norton, 2012).
7Joseph E. Stiglitz, Globalization and Its Discontents (New York: W.W. Norton, 2002).
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